Bundeswehr-General warnt vor zunehmender Brutalität russischer Angriffe
Generalleutnant Alexander Sollfrank, der ranghöchste operative Führer der Bundeswehr, warnt eindringlich davor, sich an die stetig eskalierenden Angriffe aus Russland zu gewöhnen. Im Interview analysiert der Befehlshaber des Operativen Führungskommandos die qualitative Verschärfung der Bedrohungslage und erläutert Deutschlands Gegenmaßnahmen.
Hybride Kriegsführung als permanente Bedrohung
„Wir sehen Spionage, Sabotage, Drohnenüberflüge und Cyberangriffe“, stellt Sollfrank klar. Diese Aktivitäten seien keineswegs harmlose Nadelstiche, sondern systematische Vorbereitungen möglicher konventioneller Angriffe. Besonders besorgniserregend sei die jüngste qualitative Veränderung: „Zuletzt gab es in Ostpolen einen Sprengstoffanschlag auf eine Bahnlinie, die die Verbindung in die Ukraine sicherstellt. Dabei wurden zivile Opfer billigend in Kauf genommen.“
Der General vergleicht die Situation mit einem schleichenden Temperaturanstieg: Durch wachsende Anzahl und Intensität der Angriffe werde die Bedrohungslage kontinuierlich verschärft, ohne dass dies immer sofort als dramatisch wahrgenommen werde. Er erinnert an aggressive Überflüge russischer Kampfflugzeuge und Angriffe auf Unterwasserinfrastruktur in der Ostsee.
Deutschlands Verteidigungsmaßnahmen im Fokus
Die Bundeswehr beteilige sich intensiv an NATO-Wachsamkeitsaktivitäten:
- Luftraumüberwachung mit deutschen Eurofightern
- Aufbau der Panzerbrigade 45 in Litauen
- Bereithaltung der 10. Panzerdivision mit 30.000 Soldaten
- Sicherung von Unterwasser-Infrastruktur in der Ostsee
- Präsenz in der Arktisregion
Sollfrank betont, dass der Operationsplan Deutschland (OPLAN) fertiggestellt sei und bei Bedarf sofort aktiviert werden könne. „Wir haben eine Vielzahl von Verträgen geschlossen, die sicherstellen, dass das schnelle Durchschleusen großer Truppen durch Deutschland funktioniert“, erklärt der General.
Gesellschaftliche Resilienz als Schlüsselfaktor
Besondere Sorge bereitet dem General die mangelnde Verteidigungsbereitschaft in der Bevölkerung. „Ein bisschen schon – wir müssen unseren jungen Menschen erklären, warum es sich lohnt, sich für dieses Land einzusetzen“, antwortet er auf die Frage nach Umfrageergebnissen, wonach nur 24 Prozent der Baden-Württemberger notfalls zur Waffe greifen würden.
Für eine wirksame Abschreckung brauche Deutschland nicht nur Soldaten, sondern „eine Gesellschaft, die nicht gleich beim ersten Windhauch umfällt und weiße Fahnen schwenkend aufgibt“. Die Entwicklung gesamtgesellschaftlicher Resilienz müsse deutlich beschleunigt werden.
Rüstungsindustrie unter Druck
Kritisch äußert sich Sollfrank zu Lieferverzögerungen der Rüstungsindustrie: „Früher konnten wir hinnehmen, wenn ein Waffensystem später kommt. Jetzt entsteht dadurch eine Fähigkeitslücke in einem Verteidigungsplan.“ Die Vertragstreue der Industrie sei in der aktuellen Sicherheitslage von existenzieller Bedeutung. „Für mich heißt treu dienen auch: treu liefern“, stellt der General klar.
Lernen von internationalen Konflikten
Die Bundeswehr beobachtet intensiv die Entwicklungen in der Ukraine und im Nahen Osten. Aus dem Ukraine-Krieg ziehe man wichtige Lehren für technologische Entwicklungen und hybride Kriegsführung. Von Israel lerne man insbesondere im Bereich hochpräziser Schläge, für die präzise Lagebilder, KI-gestützte Datenanalyse und moderne Waffensysteme notwendig seien.
Ein konkretes Beispiel sei das Flugabwehrsystem Arrow, das mit israelischer Unterstützung in kürzester Zeit in Holzdorf stationiert worden sei. „Das ist das Modernste vom Modernen“, so Sollfrank.
Regionale Einsätze und internationale Zusammenarbeit
Trotz der angespannten Lage im Nahen Osten setzt die Bundeswehr ihre Zusammenarbeit mit Israel fort. „Unsere Zusammenarbeit ist vertrauensvoll und eng“, betont der General. Gleichzeitig habe man Truppen in der Region ausgedünnt, um Auftrag und Sicherheit in ein gesundes Verhältnis zu bringen.
Die Unterstützung für die Ukraine bleibe unverändert wichtig. Deutschland sei mit 55 Milliarden Euro seit 2022 einer der größten Unterstützer, wobei der Fokus insbesondere auf der Flugabwehr liege.
Abschließend warnt Sollfrank davor, die Bedrohung durch Russland zu unterschätzen: „Das geht so weiter. Russland hört nicht auf.“ Deutschland und seine Verbündeten müssten wachsam bleiben und ihre Verteidigungsfähigkeit kontinuierlich stärken.



