Gegensätzliche Perspektiven syrischer Migranten in Berlin
In Berlin leben zwei syrische Migranten, die 2015 aus ihrer Heimat flohen und heute völlig unterschiedliche Ansichten zur Rückkehr nach Syrien vertreten. Während die bekannte TV-Köchin Malakeh Jazmati Hoffnung für den Wiederaufbau ihres Landes schöpft und bereits aktiv daran mitwirkt, bangt der Neurologe Tameem Alhammoud um die Sicherheit seiner Familie und lehnt eine Rückkehr kategorisch ab.
Unternehmerin mit Vision für Syriens Zukunft
Malakeh Jazmati, eine 39-jährige Syrerin, die im arabischen Raum als Fernsehköchin bekannt wurde, sitzt in ihrem Restaurant in Berlin-Schöneberg. Hinter ihr liegen aufregende Tage, in denen sie den syrischen Übergangspräsidenten Ahmed al-Scharaa in Berlin traf und ihm selbst zubereitete traditionelle syrische Gerichte servierte. Bei diesem Treffen betonte Jazmati die Notwendigkeit, Frauen in Syrien zu stärken, woraufhin al-Scharaa mehrfach die patriarchale Struktur der syrischen Gesellschaft ansprach.
Der 43-jährige Übergangspräsident war früher Anführer der Islamistenmiliz HTS, die Ende 2024 den Langzeitherrscher Baschar al-Assad stürzte. Jazmati möchte die Ursachen des gesellschaftlichen Denkens gegen Frauen verändern und plant daher, eine Organisation in Syrien zu gründen, um Gleichberechtigung zu fördern und mehr Zugänge zu Bildung zu verschaffen.
2015 kam Jazmati als Geflüchtete nach Deutschland. Zehn Jahre später nahm Angela Merkel in ihrem Restaurant Platz, als der Westdeutsche Rundfunk dort eine Gesprächsrunde über Merkels vieldiskutierten Satz „Wir schaffen das“ produzierte. Als eine von mehr als 900.000 Syrern in Deutschland lebt die Unternehmerin heute mit einer klaren Vision: „Wir müssen nach Syrien zurückkehren, um unser Land wiederaufzubauen.“
Aktive Unterstützung des Wiederaufbaus
Jazmati ist bereits zum sechsten Mal nach Damaskus gereist, um mit Fortbildungen für Hotelpersonal beim Wiederaufbau zu helfen. Sie betont, dass Syrien jetzt helfende Hände brauche, aber noch nicht alle gleichzeitig zurückkehren könnten, da viele Teile des Landes weiterhin zerstört seien. „Wir müssen Schritt für Schritt vorgehen“, erklärt sie.
Die gebürtige Damaszenerin kritisiert jedoch, dass Beamte, die bereits unter dem Assad-Regime in Ministerien arbeiteten, manchmal unkooperativ seien. Sie hat al-Scharaa gebeten, dies zu unterbinden. Notwendig seien Investitionen großer Unternehmen, höhere Einkommen und weniger Preiserhöhungen. Sobald Syrien wiederaufgebaut sei, würden viele zurückkehren wollen, ohne darum gebeten zu werden. Ihr Geschäft in Berlin laufe auch ohne ihre Anwesenheit und werde bestehen bleiben.
Neurologe fürchtet um Familie und Sicherheit
Für eine Rückkehr fehlt dem Berliner Neurologen Tameem Alhammoud dagegen jede Sicherheit. Der deutsche Staatsbürger gehört zur drusischen Minderheit und hat traumatische Erfahrungen gemacht. Sein 75-jähriger Vater wurde im Juli 2025 von Regierungstruppen in seinem eigenen Haus mit einem Kopfschuss getötet, als das Dorf Thaala in der mehrheitlich von Drusen bewohnten Provinz Suweida gestürmt wurde.
„Mein Vater wurde im Haus erschossen“, sagt Alhammoud mit deutlicher Betroffenheit. Das Haus seiner Eltern sei zerstört, und er habe mehrere Tage nicht schlafen können nach dieser Nachricht. Nach dem Sturz des Assad-Regimes im Dezember 2024 kam es in Syrien immer wieder zu Gewaltwellen mit Hunderten Toten – betroffen waren insbesondere Minderheiten wie Alawiten und Drusen.
Kritik an internationaler Politik
Mit Blick auf den Übergangspräsidenten al-Scharaa äußert Alhammoud scharfe Kritik: „Es kann nicht sein, dass ein Mann, der jahrelang Dschihadist war, der richtige Mann für den Übergang ist.“ In seinen Augen ist die deutsche, amerikanische und europäische Politik naiv, weil sie zu stark auf eine Zentralregierung setze.
Es mache ihn wütend, dass Menschenrechte und insbesondere die Rechte von Frauen dabei wenig Beachtung fänden. Das seien Werte, für die Europa stehe und derentwegen viele Menschen dort Zuflucht suchten. Anfang des Jahres gab es schwere Kämpfe zwischen Regierungstruppen und kurdisch dominierten Kräften, und Fachleute warnen vor einem Wiedererstarken der Terrormiliz „Islamischer Staat“ (IS).
Unterschiedliche Wahrnehmungen von Minderheiten
Unternehmerin Jazmati macht sich dagegen wenig Sorgen um die Zukunft von Minderheiten wie Drusen oder Kurden. Einige ihrer Verwandten in Syrien gehören der christlichen Minderheit an – andere der Bevölkerungsmehrheit sunnitischer Muslime, zu der auch Jazmati selbst zählt.
„Unser Ziel muss sein, alle Probleme zwischen uns Syrern zu überwinden. Syrien als Ganzes muss künftig an erster Stelle stehen“, erklärt sie. Ruhig und sichtlich gerührt spricht die Syrerin über ihre größere Familie in Syrien: „Es ist mehr als ein Traum, weil ich dachte, das Assad-Regime würde ewig bleiben. Jetzt ist alles einfach. Wenn ich sie vermisse, kann ich einfach hinfliegen.“
Persönliches Leid und politische Forderungen
Für den 39-jährigen Arzt Alhammoud ist es furchtbar, seine Familie nicht besuchen zu können. Seine Mutter, Schwestern und Nichten leben noch in Syrien, und er kann sie lediglich finanziell unterstützen. „Mit der Angst geht es ihnen schlecht“, berichtet er. Seine Nichte habe ihren Architektur-Studienplatz verloren, weil sie der Minderheit der Drusen angehöre.
Die allmähliche Radikalisierung in Syrien sei besorgniserregend, sagt Alhammoud. Dadurch fehle auch die nötige Sicherheit für Investoren. Die Rückkehrdebatte hält er für polemisch und betont, dass zwischen Straftätern oder Islamisten und gefährdeten Minderheiten unterschieden werden müsse.
Von den Drusen, die er in Berlin kenne, traue sich niemand zurückzugehen. Vielmehr unterstützen sie ihre Heimatprovinzen mit einem Verein aus Deutschland heraus. „Ich wünsche mir, dass ich in Deutschland eine sichere Zukunft habe“, sagt Alhammoud. Und dazu gehöre eine konsequente Bekämpfung von Radikalismus.



