Milliönenschwere Baupleite in Wetzlar: Parkhaus-Ruine wird abgerissen und neu errichtet
Die historische Stadt Wetzlar in Hessen, einst Inspirationsquelle für Johann Wolfgang von Goethes berühmten Roman „Die Leiden des jungen Werther“, erlebt derzeit eine eigene Tragödie moderner Art. Mitten im neuen Stadtzentrum steht ein Parkhaus, das noch nie ein Auto beherbergt hat, den Steuerzahler aber bereits fast zehn Millionen Euro gekostet hat. Nun soll das Gebäude größtenteils abgerissen und neu aufgebaut werden – ein beispielloser Fall von Steuergeldverschwendung.
Frostschäden machen Parkhaus zur Einsturzgefahr
Das Parkhaus am Karl-Kellner-Ring wurde für die Mitarbeiter und Besucher der neuen Verwaltungszentrale des Lahn-Dill-Kreises errichtet und sollte 300 Stellplätze bieten. Seit über zwei Jahren steht die Anlage jedoch leer. „Das sich noch im Rohbau befindende Parkhaus zeigte im Januar 2024 starke Frostschäden auf“, erklärt eine Sprecherin der Kreisverwaltung. Wasser sei in die 18 Meter langen Spannbeton-Dielen der Decken eingedrungen, was zu gefährlichen Rissen im Beton führte.
Im Klartext: Das Bauwerk ist einsturzgefährdet, weil die verantwortliche Baufirma offenbar nicht ausreichend Entwässerungsbohrungen vorgenommen hat. Die Kosten für diese Ruine belaufen sich laut offiziellen Angaben bereits auf zwischen 9,4 und 9,7 Millionen Euro.
Kreistag beschließt Abriss und Neubau
Der Kreistag von Wetzlar hat kürzlich mit breiter Mehrheit – unterstützt von CDU, SPD, Freien Wählern, FDP und vier Grünen-Politikern – entschieden, das Pannen-Parkhaus größtenteils abzureißen und neu zu bauen. Bemerkenswert ist, dass mit der gleichen Baufirma verhandelt werden soll, die für die Schäden haftet und die Hauptkosten tragen muss. Dennoch muss der Kreis nach aktuellen Schätzungen zusätzlich etwa eine Million Euro investieren.
Landrat Carsten Braun (CDU) begründete den Schritt gegenüber dem Hessischen Rundfunk: „Wir wollen nicht mehr auf eine Ruine schauen und etwas ändern.“ Man strebe einen Vergleich mit der Baufirma an, da ein langwieriger Rechtsstreit bis zu 15 Jahre oder länger dauern könnte.
Steuerzahlerbund schlägt Alarm
Der Bund der Steuerzahler in Hessen hat den Fall bereits aufmerksam verfolgt. „Wenn mit Steuergeld ein Parkhaus gebaut wird, das dann nicht genutzt werden kann und sogar wieder abgerissen werden muss, dann schrillen beim Bund der Steuerzahler natürlich die Alarmglocken“, erklärt Pressesprecher Moritz Venner. Der Verband will den Vorgang nun genau prüfen.
Neues Konzept: Systemparkhaus mit Stahl und Holz
Nach dem geplanten Abriss soll ein schlankeres „Systemparkhaus“ mit Stahlgerüst und Holzfassade entstehen. Die Kreisverwaltung hofft auf eine Bauzeit von weniger als eineinhalb Jahren – vorausgesetzt, es kommt nicht zu weiteren Baumängeln. Für die 54.665 Einwohner von Wetzlar bleibt die Frage, wie es zu einer derart kostspieligen Fehlplanung kommen konnte und welche Konsequenzen daraus gezogen werden.



