Schüler in Pasewalk laden Politiker zur ersten landesweiten Diskussionsrunde ein
Knapp 70 Schülerinnen und Schüler des Pasewalker Gymnasiums haben in Vorbereitung auf die Landtagswahl in Mecklenburg-Vorpommern eine bemerkenswerte Gesprächsrunde veranstaltet. Fünf Monate vor dem Urnengang am 20. September 2026 luden sie Vertreter der vier aktuell stärksten Parteien zu einer Podiumsdiskussion in ihre Schule ein – die erste Veranstaltung dieser Art im gesamten Bundesland.
Vier Politiker stellen sich den kritischen Fragen der Jugend
Zu Gast in der Aula der Europaschule waren CDU-Spitzenkandidat Daniel Peters aus Rostock, AfD-Ministerpräsidentenkandidat Leif-Erik Holm aus Schwerin, Wissenschafts- und Kulturministerin Bettina Martin (SPD) aus Schwerin und der Linken-Landesvorsitzende Hennis Herbst aus Greifswald. Zwei Stunden lang stellten sich die Politiker im laufenden Wahlkampf den Fragen der Jugendlichen, unter denen sich viele Erstwähler befanden.
Moderiert von den Schülern Laurence Wontroba und Laura Dinse ging es in der Diskussion um zentrale Themen wie Mobilität auf dem Land, Rassismus, Fachkräftemangel, Schulsozialarbeit, Bildung und Medien. Die Schülerinitiative, zu der auch Alois Sauer gehört, hatte alles in Zusammenarbeit mit Schulsozialarbeiterin Antje Schulz und dem Demokratie-Zentrum mit Sitz in Anklam organisiert und umgesetzt – und zwar mit militärischer Präzision. Maximal zwei Minuten Redezeit pro Frage standen jedem Gesprächsteilnehmer zu, kontrolliert mittels Stoppuhr.
Unterrepräsentierte Erstwählergruppe bekommt eine Stimme
„Unter den 1,3 Millionen Wahlberechtigten im Land sind nur 25.000 16- bis 18-jährige Erstwähler. Mit zwei Prozent ist diese Gruppe massiv unterrepräsentiert“, erklärte Dr. Christian Ulbricht vom Regionalzentrum für demokratische Kultur Vorpommern-Greifswald. „Wir müssen ihnen eine Stimme geben.“
Ziel der Veranstaltung war es laut Laurence Wontroba, den Mitschülern die Möglichkeit zu bieten, sich umfassend über die Positionen der Parteien zu informieren. Die knapp 70 Gymnasiasten nutzten diese Chance intensiv. „Ich war mir nicht ganz sicher, welche Partei ich wähle. Im Ausschlussverfahren habe ich mich jetzt entschieden“, sagte Mia Melech (16) aus Löcknitz nach der Diskussionsrunde. „Ich will noch mindestens eineinhalb Jahre in diesem Bundesland leben, darum habe ich Interesse an der Politik hier. Wer sich nicht informiert und nicht wählt, kann sich hinterher nicht beschweren.“
Jugendliche zeigen politisches Interesse trotz Wahlaltersgrenze
Mit 14 Jahren noch nicht wählen, sich aber informieren darf Adam Paczkowski aus Pasewalk. „Erst war ich unsicher, ob ich eine Vermögenssteuer gut oder schlecht finde“, berichtete der Schüler, nachdem er bei Hennis Herbst hartnäckig nachgehakt hatte. „Jetzt kann ich das politisch besser einordnen.“ Er könne es kaum erwarten, endlich wählen zu dürfen. „Ich möchte nicht in einem Land leben, in dem wir alles vorgeschrieben kriegen. Darum bilde ich mir eine eigene Meinung und möchte auch dazu stehen.“
Politiker werben um die junge Wählerschaft
Die Politiker nutzten die Runde, um die jungen Leute möglichst für sich zu gewinnen. „Ich finde solche Gespräche unheimlich wichtig. Wir haben zu wenig junge Menschen. Es ist zu viel schief gegangen in den letzten Jahren“, sagte Leif-Erik Holm (55). Für Bettina Martin (60) war die Veranstaltung gut, „um zu erfahren, was euch umtreibt, was eure Themen sind“. Hennis Herbst (29) findet es „ganz wichtig, dass sich junge Menschen interessieren“, und Daniel Peters (44) bezeichnete das Podium als „gelebte Demokratie“ und Diskussionen als „wesentliches Element“ dieser.
Mobilitätsprobleme dominieren die Diskussion
Bildungspendelei zwischen Schule und Zuhause und Fahrten in ihrer Freizeit brannten den Gymnasiasten offenbar besonders unter den Nägeln. „Ich wohne in einem Dorf, 25 Kilometer von der Schule entfernt“, schilderte Mia Melech ein Problem, das viele ihrer Mitschüler betrifft. Gerade einmal zwei Busse würden fahren. „Ich habe oft bis 15 Uhr Unterricht. Der Bus fährt aber erst 16.20 Uhr.“
Um die ebenfalls zu selten fahrende Bahn zu nutzen, müsse sie erst einmal sechs Kilometer mit dem Fahrrad fahren. Oft sei sie auf ihre Eltern oder andere Familienmitglieder angewiesen.
Der noch nicht flächendeckend installierte Rufbus Ilse sei ein Anfang, reiche aber nicht aus, sagte Bettina Martin. Über „autonomes Fahren“ und MV als entsprechende Pilotregion dachte Daniel Peters nach und bewarb sogleich die von der CDU angestrebte Führerschein-Beihilfe für junge Ehrenamtler. Fahrerlaubnis mit 16 Jahren und staatlich gesteuerte Senkung der Spritpreise brachte Leif-Erik Holm zur Sprache. Laut Hennis Herbst müssen sich Busse „nicht rechnen“. „Anbindung ans Land muss sein, ohne Kosten-Nutzen-Rechnung.“ Mit kostenloser Schülerbeförderung, da waren sich alle einig, sei es jedenfalls nicht getan, wenn nicht genügend Verkehrsmittel zur Verfügung stehen.
Vorbildfunktion für andere Schulen in Mecklenburg-Vorpommern
Bislang ist ihm keine weitere Schule in MV bekannt, in der Schüler eine solche Initiative ergriffen haben, sagte Christian Ulbricht vom Regionalzentrum demokratische Kultur. Sollten weitere Einrichtungen vor der Landtagswahl am 20. September Interesse signalisieren, sei er bei Vorbereitung und Umsetzung gern behilflich. Die Pasewalker Gymnasiasten haben damit nicht nur für sich selbst politische Bildung betrieben, sondern möglicherweise auch ein Signal für andere Schulen im Bundesland gesetzt.



