Salus-Chef gesteht gravierende Fehler im Umgang mit Magdeburger Todesfahrer ein
Im parlamentarischen Untersuchungsausschuss des Landtags Sachsen-Anhalt zum verheerenden Anschlag auf dem Magdeburger Weihnachtsmarkt hat der Aufsichtsratschef des Gesundheitsunternehmens Salus, Wolfgang Beck, umfassende Fehler und Versäumnisse im Umgang mit dem späteren Todesfahrer eingeräumt. Die kritischen Defizite hätten bereits während des Einstellungsprozesses begonnen und sich durch die gesamte Beschäftigungszeit fortgesetzt, wie Beck in seiner Aussage deutlich machte.
Lückenhafte Personalakte und fachliche Zweifel
Wie bereits in vorherigen Ausschusssitzungen offengelegt wurde, wies die Personalakte des späteren Täters beim landeseigenen Unternehmen Salus erhebliche Mängel auf. Zudem hegten Kollegen tiefgreifende Zweifel an den fachlichen Qualifikationen des Arztes, der im Maßregelvollzug in Bernburg als Psychiater tätig war. Für eine Reihe von Kernaufgaben wurde er aufgrund dieser Bedenken gar nicht erst eingesetzt, was auf systematische Überwachungsprobleme hinweist.
Beck betonte im Ausschuss, dass aufgrund der dokumentierten fachlichen Zweifel eine deutlich frühere und intensivere Überprüfung des Mitarbeiters notwendig gewesen wäre. Diese versäumte vertiefte Prüfung stellt ein schwerwiegendes Versäumnis der Unternehmensführung dar, so die implizite Kritik der Ausschussmitglieder.
Alarmierende Warnsignale blieben unbeachtet
Besonders verstörend sind die Erkenntnisse über konkrete Warnhinweise, die Monate vor der Tat ignoriert wurden. Ein besorgter Kollege hatte sich per E-Mail an Vorgesetzte gewandt, nachdem der spätere Täter in einem Dienstgespräch äußerte, sich in einem „wirklichen Krieg“ zu befinden, dessen Ausgang nur „sterben oder umbringen“ sein könne. Beck räumte ein, dass Führungskräfte künftig wesentlich sensibler auf derartige bedrohliche Äußerungen reagieren müssten.
Zusätzlich wurde bekannt, dass der Mann aus Saudi-Arabien bereits in seinen Heimatkreisen durch aggressive Social-Media-Posts und eine konfrontative Art aufgefallen war. Ein Zeuge einer europäisch-saudischen Menschenrechtsorganisation schilderte, der Arzt habe den Islam und Muslime scharf kritisiert, sei beleidigend geworden und gegenüber politischen Aktivisten sogar feindselig aufgetreten. „Er war als angriffslustig bekannt“, so der Zeuge, „die meisten Saudis begannen ihn zu ignorieren“.
Komplexes Persönlichkeitsbild des Täters
Der spätere Todesfahrer, der sich vom Islam losgesagt hatte und in Deutschland Asyl erhalten hatte, zeigte ein widersprüchliches Verhalten. Einerseits war er bekannt dafür, Menschen – insbesondere Frauen – bei der Ausreise aus Saudi-Arabien zu unterstützen. Andererseits beschrieben ihn Kontakte als launisch und kontrollierend, was zu kurzlebigen Beziehungen führte. Selbst familiäre Bindungen waren zerrüttet, wie durch öffentliche Äußerungen auf Twitter dokumentiert wurde.
Umfangreiche Untersuchungen und anstehender Abschlussbericht
Der Untersuchungsausschuss unter Vorsitz von Karin Tschernich-Weiske (CDU) hat seit seinem Beginn am 13. Februar 2025 bereits etwa 140 Zeugen befragt. Die Parlamentarier untersuchten intensiv das Sicherheitskonzept für den Weihnachtsmarkt, die Arbeit der Polizei sowie ungeklärte Zuständigkeiten zwischen Stadt und Sicherheitsbehörden. Besonderes Augenmerk lag auf der Frage, warum vorhandene Warnhinweise bei den Behörden folgenlos blieben.
Der Täter war am 20. Dezember 2024 mit einem Mietwagen über den Weihnachtsmarkt gefahren, wobei sechs Menschen starben und über 300 teils schwerste Verletzungen erlitten. Derzeit läuft am Landgericht Magdeburg der Prozess gegen den Angeklagten. In den kommenden Wochen sollen die letzten Zeugenbefragungen abgeschlossen und ein umfassender Abschlussbericht vorgelegt werden, der die vielschichtigen Versäumnisse aufarbeitet.



