Widerstand gegen die Grüne Jugend formiert sich
Die Erinnerungen an Jette Nietzard und ihre bizarren Auftritte sind noch frisch: Die Grüne Jugend schreckt selbst manche Parteimitglieder ab. Nun organisieren sich junge Realos in einem eigenen Netzwerk, wie die Deutsche Post 24 erfahren hat.
Dass Jugendorganisationen etwas krawalliger auftreten als ihre Mutterparteien, ist üblich. Doch bei der Grünen Jugend ist diese Neigung seit einigen Jahren besonders ausgeprägt. So ausgeprägt, dass manche von einer regelrechten Entfremdung sprechen.
Als vorläufiger Höhepunkt trat 2024 der gesamte Vorstand der Jugendorganisation geschlossen aus der Partei aus. Doch wer gehofft hatte, dass sich der Ton danach mäßigt, wurde enttäuscht. Die neue Bundesvorsitzende Jette Nietzard erhob die Provokation regelrecht zur Kunstform.
Die gesamten zwei Jahre ihrer Amtszeit eilte sie von Empörungssturm zu Empörungssturm: „Männer, die ihre Hand beim Böllern verlieren, können zumindest keine Frauen mehr schlagen“, postete sie Silvester 2024 auf X. Markus Söder bezeichnete sie öffentlich als „Hundesohn“. Im Netz präsentierte sie sich in einem Pullover mit der Aufschrift A.C.A.B. (deutsch: „Alle Polizisten sind Bastarde“), getragen im Bundestag.
Vielen in der Partei gingen solche Aktionen zu weit – auch vielen jungen Mitgliedern. Sie fühlen sich im zuletzt stark nach links tendierenden offiziellen Jugendverband der Partei immer weniger gesehen. Seit einigen Jahren wurde niemand mehr in den Vorstand der Grünen Jugend gewählt, der sich dem Realo-Flügel zugehörig fühlt.
Junge Realos diskutieren über Verteidigung und Schwarz-Grün
Dagegen werden die Realos nun aktiv. In Berlin treffen sich am Samstag rund 120 von ihnen zur Akademie der „Jungen Realos“. Die Initiative wurde vor einigen Jahren gegründet, es ist das zweite Treffen dieser Art. Mit dabei sind viele junge Parteimitglieder aus der Kommunalpolitik. Auffällig viele seien Auszubildende und Menschen aus dem ländlichen Raum, heißt es aus Kreisen der Veranstalter.
„Wir setzen uns unter anderem dafür ein, dass die Grüne Jugend junge Parteimitglieder in ihrer thematischen und biografischen Vielfalt repräsentiert“, sagt ein Mitglied der „Jungen Realos“, das für die Partei im Bundestag sitzt.
Auf dem Programm stehen Diskussionen unter den Titeln „Wehrhaftes Europa“ oder „Schwarz-Grün: Modell für die Zukunft?“ – Themen also, die im Bildungsangebot der Grünen Jugend aktuell eher nicht vorkommen. Auch praktische Workshops stehen auf dem Programm, etwa zu „Verhandeln unter Druck“. Die Grüne Jugend ist in den vergangenen Jahren zu einer Kaderschmiede für Nachwuchstalente des linken Parteiflügels geworden. Dem soll allem Anschein nach etwas entgegengesetzt werden.
Bei führenden Realos bis in hohe Parteiämter gibt es wohl auch deshalb viel Wohlwollen für die Initiative. Eine Handvoll junger Bundestagsabgeordneter ist selbst dabei, ältere unterstützen. Spricht man mit Aktiven, wird aber stets betont, die Jungen Realos seien lediglich eine Vernetzungsgruppe, kein eigener Jugendverband, und sollten auch keiner werden. Als Konkurrenzveranstaltung zur Grünen Jugend versteht man sich nicht.
„Viele der Jungen Realas und Realos engagieren sich auch in der Grünen Jugend“, sagt ein Mitglied der Initiative, das für die Grünen im Bundestag sitzt. Gleichzeitig gebe es aber auch junge Parteimitglieder, die sich im offiziellen Jugendverband nicht mitgenommen fühlten und bei den Jungen Realos eine zusätzliche Anlaufstelle fänden. Die Initiative setze sich deshalb unter anderem dafür ein, „dass die Grüne Jugend junge Parteimitglieder in ihrer thematischen und biografischen Vielfalt repräsentiert“ – künftig also auch Realos dort wieder mehr Gehör finden.
Dafür will das Netzwerk mehr Einfluss auf den Kurs von Partei und Jugendorganisation nehmen, etwa mit eigenen Anträgen auf Parteitagen und dem Bundeskongress der Grünen Jugend. Ein erster zum Thema Generationengerechtigkeit schaffte es auf dem Parteitag im vergangenen Jahr nur knapp nicht auf die Tagesordnung. Titel: „Holen wir uns die Jugend zurück!“



