Klingbeil in der ARD-Arena: Schweiß, Nähe und Seitenhiebe gegen Trump
Klingbeil in der ARD-Arena: Schweiß, Nähe und Trump-Seitenhiebe

Ein Satz soll Lars Klingbeil an diesem Abend nicht herausrutschen. „Wir schaffen das“ dürfe er nicht sagen, sagt der Vizekanzler. „Der Satz ist belegt.“ Vor zwei Tagen hat ausgerechnet der Bundeskanzler in Linstow seine christdemokratische Amtsvorgängerin Angela Merkel damit zitiert. Der Vizekanzler will das an diesem Abend vermeiden, und „merkelt“ gewissermaßen in seinen eigenen Worten. „Ich glaube an das Land und die Menschen im Land.“ Ob diese Version in den Köpfen der Menschen hängen bleibt, darf bezweifelt werden.

Am Montagabend war der Bundesfinanzminister zu Gast in der ARD-Arena. Er ist der zweite schwarz-rote Spitzenpolitiker nach Markus Söder, der sich den Fragen von 120 Zuschauern im Studio sowie denen auf Youtube, Instagram und Tiktok stellt. Klingbeil soll erfahren, was die Menschen im Reform- und Fußballsommer bewegt, so die Hoffnung der beiden Moderatoren Louis Klamroth und Jessy Wellmer. Lesen Sie, wie sich der Vizekanzler geschlagen hat.

Klingbeil schwitzt

Keine Frage bringt ihn in den 75 Minuten inhaltlich ins Schwitzen. Trotzdem tropft Klingbeil mehrfach Schweiß vom Ohr auf sein Jackett. Immer wieder tupft er sich das Gesicht oder fährt sich durchs Haar. Zu Beginn verhaspelt er sich mehrmals. Den warmen Berliner Sommerabend scheint man auch im Havelstudio in Spandau gespürt zu haben. „Wir versuchen mal hier durchzulüften, es ist brüllend heiß im Studio“, sagt Klamroth nach rund einer Viertelstunde.

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Nah bei den Leuten

Mit dem Motto wollten schon andere SPD-Vorsitzende das Vertrauen ihrer Wählerschaft gewinnen (Kurt Beck lässt grüßen). Auch Klingbeil versucht im ganzen Verlauf der Sendung, eine Verbindung zu den Fragestellenden aufzubauen. Mal erkundigt er sich nach einem Namen, an zwei Stellen fragt er nach, ob er ihn richtig verstanden hat. Einem Mann bietet er an, E-Mail-Adressen auszutauschen. Dazu wird er mehrfach persönlich, erzählt von seinem Vater und seiner Kindheit. Häufig erhält er Applaus nach seinen Antworten.

Wenig Mitsprache

Klingbeil ist der erste in seiner Familie mit Abitur und Studium. Eine Fragestellerin sorgt sich, dass viele Schüler keinen Abschluss mehr machen würden. Bildung hänge zu sehr vom Elternhaus ab. „Ich hätte gerne mehr mitzureden“, sagt Klingbeil. Doch Bildung ist vor allem Ländersache. Trotzdem bricht Klingbeil auch für sie eine Lanze. „Wir haben ein gutes System“, sagt der SPD-Politiker. In den Schulen, wie Universitäten. „Wir dürfen uns als Land nicht schlechtreden.“

Mehr Optimismus wagen

Wie schon Friedrich Merz zuletzt, versucht auch er, Zuversicht zu verbreiten. „Manchmal finde ich, die Lage ist besser als die Stimmung“, sagt er. Der Hauptfokus der Regierung sei, wieder Wachstum zu schaffen: „Ich glaube, wir kriegen das hin.“

Europäischer Standortpatriotismus

In seinem ersten Jahr als Vizekanzler reiste Klingbeil schon in die USA, nach Kanada, China und in viele EU-Länder. „Ich habe noch kein Land kennengelernt, in dem ich lieber leben und arbeiten möchte als in Deutschland.“ Auch Europa kommt nicht zu kurz. „Wenn wir richtig gut zusammenarbeiten würden in Europa, sind wir größer als die Amerikaner.“

Transatlantische Seitenhiebe

Es ist nicht die einzige Stelle, an der Klingbeil die Ellbogen in Richtung der amerikanischen Führung ausfährt. Ganz zu Beginn der Sendung geht es nur um die Fußball-WM. „Ich gewinne gerne gegen die USA, vor allem gegen die USA von Donald Trump.“ Später lobt er die Stabilität des deutschen Rechtssystems. „Das ist in anderen Demokratien nicht mehr der Fall“, sagt Klingbeil und verweist explizit auf die USA. Eigentlich ist er überzeugter Transatlantiker. Seit Trump die USA führt, ist das anders.

Rückendeckung für Bas

Seine SPD-Co-Vorsitzende nimmt er dagegen in Schutz. Eine Fragestellerin konfrontiert ihn mit der jüngsten Aussage der Arbeitsministerin, dass es keine Einwanderung in die Sozialsysteme gebe. Sie habe das Gefühl, Deutschland kapituliere vor seinem eigenen Sozialrecht. „Ich nehme das sehr ernst, Bärbel Bas auch“, sagt Klingbeil. Beide wollen den Sozialmissbrauch stoppen. Klingbeil sagt: Für ihn sei es dabei egal, ob es um ausländische Geflüchtete, deutsche Bürgergeld-Empfänger oder steuerhinterziehende Multimillionäre gehe.

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Freiheiten für Prien

Einer anderen Kabinettskollegin stützt Klingbeil dagegen nur bedingt den Rücken. Ein Zuschauer aus den Youtube-Kommentarspalten kritisiert ihn dafür, dass seine Sparvorgabe beim Elterngeld die Familiengründung erschwere. Doch der Finanzminister wiegelt ab. Es sei keine Vorgabe gewesen. Vielmehr habe die Union gesagt, beim Elterngeld 500 Millionen einsparen zu können. Der Betrag könnte auch woanders herkommen. „Ich lege da keinen Wert drauf, da hat Frau Prien alle Freiheiten.“

Anschließend kommen ein paar schnelle Entweder-oder-Fragen dran. Die Frage, ob Neuer oder Baumann, beantwortet der Bayern-Fan ohne zu zögern. Bei Wüst oder Merz muss er schon etwas überlegen und angesichts der jüngsten Kanzlerwechsel-Debatte etwas lachen, nennt dann aber doch den Bundeskanzler. Noch mehr Zeit nimmt er sich bei der Frage Merz oder Söder, um dann ausweichend zu antworten: „Hab ich beide gleich gerne.“ Was Angela Merkel wohl geantwortet hätte?