77 Prozent der Studierenden von Armut bedroht: Bär löst Debatte aus
77 Prozent der Studierenden von Armut bedroht: Bär löst Debatte aus

Die von Forschungsministerin Dorothee Bär (CSU) geäußerte Aussage, Studierende in Deutschland befänden sich in einer „privilegierten Situation“, sorgt für hitzige Diskussionen. In einem Interview mit den Zeitungen der FUNKE Mediengruppe hatte Bär zudem angedeutet, dass die geplante BAföG-Reform im Bundestag möglicherweise keine Mehrheit finden könnte. Während Finanzminister Lars Klingbeil (SPD) die Finanzierung bereits zugesichert hatte, reagierte die SPD mit vehementem Widerspruch.

Die Realität der Studierenden

Laut aktuellen Daten ist mehr als jeder dritte Studierende armutsgefährdet. Besonders drastisch ist die Lage bei denjenigen, die nicht mehr bei ihren Eltern wohnen: Hier sind es 77 Prozent. Für diese Gruppe wird bereits der dreistellige Semesterbeitrag zu einer Hürde, für die sie monatelang sparen muss. In Berlin arbeiten 70 Prozent der Studierenden neben dem Studium – die Hälfte von ihnen, weil es überlebensnotwendig ist. Im Durchschnitt entsteht den Studierenden dadurch eine 50-Stunden-Woche. Das kaufkraftbereinigte Einkommen allein wohnender Studierender beträgt gerade einmal 876 Euro, während ein durchschnittliches WG-Zimmer 650 Euro kostet, wie eine Untersuchung des Moses Mendelssohn Instituts zeigt.

Kritik von Bildungs-Influencer Gianni Matheja

Der Bildungs-Influencer Gianni Matheja (21) aus Berlin-Mitte, der mit seinem Kanal „Gianni studiert“ über 200.000 Follower erreicht, äußert sich deutlich: „Wer in der heutigen Lage meint, Studierende seien ‚privilegiert‘, verkennt die Realität. Es scheint, dass Frau Bär sich dem Kanzler anfügt und einen harten Ton gegen vulnerable Gruppen anschlägt. Vergleichen wir die Wohnkostenpauschalen mit den aktuellen Mieten in Berlin oder anderen Unistädten, merken wir, dass das BAföG an die Lebenshaltungskosten angepasst werden muss. Es gibt zwar immer weniger Geförderte, aber das heißt nicht, dass es Studierenden auch besser geht. Gerade deshalb braucht es belastbare Wirkungsanalysen zum BAföG statt politischer Bauchgefühl-Debatten. Fakt ist: Ein großer Teil der Studierenden ist armutsgefährdet.“

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Die Privilegien-Debatte

Bär argumentiert, dass es in Deutschland keine Studiengebühren gebe und der Staat vielen jungen Menschen überhaupt erst ein Studium ermögliche. Zudem sei es „kein Drama, wenn Studierende neben dem Studium jobben“. Sie selbst habe während des Studiums gearbeitet – allerdings als Stipendiatin der Hanns-Seidel-Stiftung, die monatlich 1292 Euro zahlt. Diese Situation ist jedoch für die wenigsten der 2,86 Millionen Studierenden in Deutschland realistisch. Das gebührenfreie Studium ist zweifellos eine große Errungenschaft, doch die finanziellen Hürden sind für viele enorm.

Bildung als Investition

Forschungsministerin Bär appelliert, den Gesamtkontext in Zeiten von Haushaltskürzungen zu betrachten. Doch laut OECD-Berichten kommt jeder in Bildung investierte Euro mehrfach zurück. Bildung ist keine Einbahnstraße, bei der Studierende dem Staat auf der Tasche liegen, sondern eine Investition des Staates in seine eigene Zukunft. Der Chancenmonitor des ifo-Instituts zeigt zudem, dass Bildung in Deutschland immer noch stark vom Elternhaus abhängt. Wenn Bär nicht will, dass „eine Ausbildung oder ein Studium am Geldbeutel der Eltern scheitern“, darf sie die Zusage zur BAföG-Reform nicht so leichtfertig infrage stellen. Damit läuft sie Gefahr, selbst zur Verstärkung der Ungleichheit beizutragen.

Einzelfall: Sandra Müller

Wie hoch die Hürden des BAföG-Systems sind, zeigt der Fall von Sandra Müller (Name geändert). Sie erhielt keine Förderung, weil ihr Vater sein Gehalt nicht offenlegen wollte. Eine Klage kam für sie nicht in Frage. Durch die fehlende Unterstützung von Eltern und Staat musste sie neben dem Studium arbeiten und hatte am Ende weniger Geld als Studierende mit vollem BAföG-Satz. „Elternunabhängiges BAföG hätte meine Studienzeit enorm verkürzt und mir ermöglicht, direkt den Master zu machen“, sagte sie dem Portal momentum. So grabe der Staat sich zukünftige Fachkräfte ab.

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Blick ins Ausland

Dass es anders geht, zeigt ein Blick über die Grenzen: In Dänemark ist die staatliche Unterstützung unabhängig vom Einkommen der Eltern, der Antrag ist unkompliziert und muss nicht zurückgezahlt werden. Generell arbeiten in skandinavischen Ländern viel weniger Studierende während des Studiums. Deutschland liegt bei den Bildungsausgaben im europäischen Vergleich laut EU-Kommission leicht unter dem Durchschnitt, während Länder wie Österreich, die Schweiz oder die skandinavischen Staaten deutlich mehr investieren.

Forderung nach Reform

Ökonom Carl Mühlbach, Gründer und Geschäftsführer von FiscalFuture, betont: „Das BAföG ist eines der wichtigsten Instrumente für mehr Bildungsgerechtigkeit. Eine Anpassung der Fördersätze ist überfällig. Der Koalitionsvertrag verspricht eine Modernisierung des BAföG sowie höhere Leistungen für Wohnen und Grundbedarf – nun muss die Bundesregierung liefern.“ Eine Anfrage für ein weiteres Gespräch mit der Ministerin blieb aus terminlichen Gründen unbeantwortet.