Am Käthe-Kollwitz-Gymnasium in Berlin-Pankow fand am Donnerstag eine lebhafte Podiumsdiskussion zur möglichen Wiedereinführung der Wehrpflicht statt. Rund 200 Schülerinnen und Schüler verfolgten die Debatte zwischen Jan Stöß, Staatssekretär im Bundesverteidigungsministerium (SPD), und Ulrich Klotzek, einem ehemaligen Wehrdienstverweigerer aus der DDR und heutigen Friedensaktivisten.
Fiktive Anrufszene als Einstieg
Die Moderatorin und Schülerin leitete die Diskussion mit einer fiktiven Szene ein: Eine Schülerin erhält einen Anruf vom Kreiswehrersatzamt, dass sie im September eingezogen werden soll. Ihre Reaktion: „Soll ich meine ganzen Zukunftspläne auf Eis legen? Das ist ungerecht!“ Diese Szene verdeutlichte die Ängste vieler Jugendlicher vor einer möglichen Wehrpflicht.
Umfrage zeigt klare Ablehnung
Eine vorab durchgeführte Umfrage unter 136 Schülerinnen und Schülern ergab, dass 65,4 Prozent den Wehrdienst im Pflichtfall verweigern würden. Die Schule hat insgesamt etwa 900 Schüler. Staatssekretär Stöß stand somit vor einem kritischen Publikum. Er argumentierte mit der Bedrohung durch autoritäre Staaten wie Russland. Friedensaktivist Klotzek hingegen plädierte für eine „nüchterne und rationale“ Betrachtung: Russland stelle mit konventionellen Waffen keine Bedrohung für die überlegene NATO dar, wohl aber mit Atomwaffen. „Durch mehr Soldaten und Waffen wird die Welt nicht sicherer“, so Klotzek.
Schülervertreter fordern mehr Mitsprache
Die beiden Schülervertreter auf dem Podium, Nuri Falkenberg und Maite Beecken, kritisierten, dass bei der Reform des Wehrdienstes über die Köpfe junger Menschen hinweg entschieden werde. Falkenberg plädierte für eine Konzentration auf Technologie statt auf Personalaufwuchs und sprach sich für einen freiwilligen Dienst aus. Beecken hielt eine zahlenmäßige Stärkung der Armee für sinnvoll, hoffte aber, dass es nicht zur Wehrpflicht kommt. Sie forderte zudem, die Bundeswehr für Frauen attraktiver zu machen.
Kontroverse um fehlende Investitionen
Beide Schüler bemängelten, dass zu wenig für die Jugend getan werde, was die Bereitschaft zur Landesverteidigung schmälere. Klotzek spitzte zu: „Sie sind zur Verfügungsmasse der politischen Eliten geworden.“ Stöß widersprach und betonte, dass Diskussionen auch mit Jugendverbänden geführt würden. Er lud die Schüler zum Tag der offenen Tür der Bundeswehr am Sonnabend ein.
Seit Anfang des Jahres erhalten alle 18-Jährigen einen Fragebogen zur Eignung und Interesse an der Bundeswehr. Laut Stöß haben sich 25 Prozent der Befragten bereits für den Wehrdienst entschieden. Dennoch räumte er ein, dass die Bundesregierung möglicherweise nicht umhin komme, eine Wehrpflicht einzuführen, um das Personalziel von 460.000 Soldaten bis 2035 zu erreichen.



