Das Aus der deutschen Fußballnationalmannschaft bei der Weltmeisterschaft wird im Ausland als Ausdruck einer generellen Schwäche gesehen: Italienische und US-amerikanische Medien haben Artikel veröffentlicht, die Parallelen zwischen der sportlichen Niederlage und dem wirtschaftlichen Niedergang ziehen.
Corriere della Sera: Deutschland als „analoges Land“
So veröffentlichte der „Corriere della Sera“, die größte Zeitung Italiens, am Mittwoch einen Artikel mit dem Titel: „Von der Wirtschaft bis zum Fußball – Deutschland steckt fest. Ein Symbol für ein Land im Stillstand“. In dem Artikel diagnostiziert der Autor Aldo Cazzullo, Deutschland sei ein Land der „schlechten Laune“, „niedergeschlagen und verängstigt“, das nicht mehr wisse, wer es sei.
In der Fußball-Niederlage sieht Cazzullo nur die Bestätigung eines Niedergangs, in dem Deutschland schon länger begriffen sei: vom stabilsten Land Europas, das in 39 Jahren nur von drei Bundeskanzler(innen) regiert wurde, hin zu einer tiefen wirtschaftlichen Krise, in der die AfD die Umfragen in vielen Bundesländern anführt.
Wirtschaftliche Krise im Fokus
Die größte Krise sei dabei die wirtschaftliche, analysiert Cazzullo: „Deutschland wirkt wie ein analoges Land in einer digitalen Welt.“ Mit seiner „wunderbaren Automobilindustrie“, die ins Stocken geraten, und dessen Erfolgsmodell, das auf russischer Energie und amerikanischer Sicherheit basierte, vorbei sei.
Cazzullo äußert sich in seinem Artikel dabei nicht schadenfroh und verweist darauf, dass die Italiener, die sich nicht einmal für die Teilnahme an der WM qualifiziert haben, natürlich die Letzten seien, die etwas zum deutschen WM-Aus sagen sollten. Aber er hebt die Relevanz hervor, die die Krise Deutschlands, der stärksten Nation Europas, für den gesamten Kontinent hat.
Cazzullo endet mit einer positiven Note. Deutschland werde wieder auf die Beine kommen, schreibt er: „Es bleibt das Land im Herzen Europas, es bleibt eine große Wirtschaftsmacht – sein BIP hat, wenn auch mit einer Verlangsamung, das Japans überholt –, es wird die Mittel und die Führungskräfte finden, um wieder aufzustehen, ohne sich der extrem rechten Politik zu beugen.“
Newsweek: Vom „Jahrhundert des deutschen Erfolgs“ zum „verlorenen Jahrzehnt“
In den USA ist der Ausblick indes weniger positiv: Die Online-Ausgabe des Magazins „Newsweek“ hat einen Artikel mit dem Titel „Der Niedergang Deutschlands“ veröffentlicht. Ähnlich wie der „Corriere“-Text analysiert Autor Hugh Cameron ausgehend von der sportlichen Niederlage die generelle Krise, in der sich Deutschland befinde.
Der Autor arbeitet dabei besonders den Kontrast zu 2014 heraus, dem Jahr, in dem Deutschland die Fußball-WM in Brasilien gewonnen hat: Zu diesem Anlass widmete „Newsweek“ Deutschland eine Titelgeschichte, in der es argumentierte, der WM-Triumph könne „ein Jahrhundert des deutschen Erfolgs“ einläuten.
Doch: „Die vergangenen zwölf Jahre (haben) einen Großteil des Erfolgs untergraben, auf dem diese Annahmen beruhten.“ Der Artikel zitiert Ifo-Chef Clemens Fuest, der Deutschland attestiert, seit 2014 ein „verlorenes Jahrzehnt“ hinter sich zu haben.
„Newsweek“ resümiert: „Wirtschaftliche Rückschläge, Umbrüche in der Industrie, politische Zersplitterung und ein deutlicher Rückgang der Erfolge im Fußball deuten allesamt darauf hin, dass das Land mit einer Welt zu kämpfen hat, die sich schneller verändert hat als seine Institutionen.“



