WM-Auftakt der US-Nationalmannschaft: „Ein bisschen träumen können wir schon“
Donald Trump war es, der die WM mit in die USA holte. Nun bleibt er dem Eröffnungsspiel fern. Die Fans freut es – und die Nationalmannschaft liefert ein überragendes Spiel. Von Helena Wittlich
Als Außenminister Marco Rubio zusammen mit Fifa-Präsident Gianni Infantino auf den Bildschirmen erscheint, buht die ganze Bar. „Ich weiß nicht, wen ich mehr verachte“, sagt Dylan. Der 28-Jährige trägt das Trikot der US-Nationalmannschaft. Gemeinsam mit vier Freunden sitzt er in der Smithfield Hall in New York, um das erste Spiel seines Teams anzuschauen. Der Blick klebt auf dem Fernseher schräg gegenüber. Gerade hat US-Star Christian Pulisic den Ball erobert. Endlich geht es richtig los, sagt er. Seine Freunde nicken zustimmend.
An diesem Freitag dreht sich in den USA nun alles ums Sportliche. Viel ist im Vorfeld der Weltmeisterschaft geredet worden: über hohe Ticketpreise, über Einreisebeschränkungen und über die ganz spezielle Freundschaft zweier Männer. Der eine, Infantino, saß an diesem Abend im Stadion von Los Angeles. Der andere, Donald Trump, blieb dem Eröffnungsspiel seines US-Teams fern.
Am Ende des Abends wird die US-Nationalmannschaft Paraguay mit 4:1 besiegen, in einer ihrer überzeugendsten Partien seit Langem. Der Präsident aber ist in Washington geblieben. Gut so, findet Dylan. Sonst würde die Welt nur wieder über den unsäglichen Präsidenten reden – und nicht über das, worum es eigentlich gehe. Fußball.
Dabei hat es mit Trump persönlich zu tun, dass diese Weltmeisterschaft überhaupt in Nordamerika stattfindet. Schon während seiner ersten Amtszeit warben die USA gemeinsam mit Mexiko und Kanada um das Turnier – ein Bündnis dreier Länder zu einer Zeit, in der Trump die Beziehungen zu beiden Nachbarn mit Zöllen und Drohungen belastete. Die Architekten der gemeinsamen Bewerbung machten Mexiko und Kanada bewusst zu Partnern, um der Welt zu zeigen, dass es eben nicht nur um die USA ging.
Heute ist davon wenig übrig. Trump hat sich die WM zu eigen gemacht. Er ließ sich den Pokal ins Oval Office stellen, nahm von Infantino einen eigens erfundenen „Fifa-Friedenspreis“ entgegen, richtete im Weißen Haus eine eigene WM-Arbeitsgruppe ein. Aus dem nordamerikanischen Gemeinschaftsprojekt wurde schleichend Trumps Turnier.
In der Smithfield Hall war das an diesem Abend egal. Fast fühlt es sich an wie in einer europäischen Fußballkneipe. Die Bar ist gerammelt voll. Fußball wird in den USA immer beliebter, vor allem bei den Jüngeren: Bezeichneten sich 2022 laut einer YouGov-Erhebung noch 13 Prozent der 18- bis 34-Jährigen als aktive Anhänger, sind es inzwischen 22 Prozent.
„USA, USA“-Sprechchöre übertönten den ohnehin lauten Fernseher. In einer Ecke saß eine Gruppe Latinos, die verhalten jubelte, als Paraguay der Anschlusstreffer gelang. Kurz zuvor war auf dem Bildschirm die Ehrentribüne im Stadion von Los Angeles zu sehen gewesen: Paraguays Präsident Santiago Peña neben Außenminister Rubio und Fifa-Chef Infantino.
Dass ein Staatschef dem ersten Spiel seines Landes fernbleibt, ist ungewöhnlich. In Katar saß 2022 der Emir auf der Tribüne, in Russland 2018 verfolgte Wladimir Putin das Eröffnungsspiel, in Brasilien 2014 die damalige Präsidentin Dilma Rousseff.
Einzig Mexikos Präsidentin Claudia Sheinbaum fehlte beim Auftakt ihres Landes am Donnerstag. Ihren Ehrenplatz im Aztekenstadion überließ sie einer jungen indigenen Frau, die einen landesweiten Wettbewerb gewonnen hatte; sie selbst verfolgte das Spiel aus einer Fanzone in Mexiko-Stadt.
Warum Trump nicht kam? Der WM-Beauftragte Andrew Giuliani verwies auf den vollen Terminkalender des Präsidenten. Tatsächlich feiert Trump an diesem Samstag seinen 80. Geburtstag und richtet dazu im Weißen Haus einen UFC-Kampfabend aus. Möglich ist aber auch ein anderer Grund: Erst am Montag war er beim Finale der Basketball-Liga NBA im New Yorker Madison Square Garden ausgebuht worden, als er auf der Videoleinwand erschien. In Los Angeles, einer demokratischen Hochburg wie New York, hätte ihn womöglich ein ähnlicher Empfang erwartet.
Trump meldete sich nach dem Abpfiff nicht einmal auf Truth Social. In New York interessiert das niemanden. Die Bar rastet aus: 4:1, die meisten Tore, die die USA je in einem WM-Spiel geschossen haben. Der perfekte Start.
Zum Finale am 19. Juli im MetLife Stadium will Trump dann doch kommen. Vielleicht steht ja sogar das US-Team auf dem Platz? Dylan grinst. „Ein bisschen träumen können wir schon.“



