Die Nachrichtensprecherin des argentinischen Fernsehens fasste sich ungläubig an den Kopf. Ein Ort, der sonst für die Macht der Drogenkartelle in Mexiko stand, sollte die neue Fußball-Heimat für Diego Armando Maradona werden. Es war 2018, als der Argentinier den Trainerposten bei den Dorados de Sinaloa in Culiacán übernahm. Jener Maradona, der 1986 in Mexiko Weltmeister geworden war, dessen Karriere aber auch unter seiner Kokainsucht gelitten hatte. Erstaunlicherweise führte er den belächelten Zweitligisten sogar in die erste Liga.
Doch Sinaloa ist weniger Synonym für sporthistorische Ereignisse, trotz des 2020 gestorbenen Maradona oder des Engagements von Pep Guardiola (Januar bis Juni 2006) bei den Dorados. Der Bundesstaat im Westen Mexikos steht vielmehr für „El Chapo“: Der mächtige Drogenbaron führte einst das berüchtigte Sinaloa-Kartell. Anfang 2016 wurde Joaquín Guzmán festgenommen und sitzt in den USA eine lebenslange Haftstrafe ab. An der Macht der Banden hat sich jedoch wenig geändert. „Heute ist es erwiesen, dass es Gemeinden gibt, in denen die Kartelle regieren“, sagt Federico Chávez Semerena, Vorsitzender der Sportkommission des Kongresses von Mexiko-Stadt, in der ARD-Dokumentation „Mexiko: WM im Schatten der Kartelle“. Sportjournalist David Faitelson ergänzt: „Das Problem sind die Verbrechen der Kartelle, die unseren Frieden und unser Leben an sich gerissen haben.“
Drei WM-Spielorte – drei Gesichter Mexikos
Mit Mexiko-Stadt, Guadalajara und Monterrey ist das Land bei der WM 2026 vertreten. Es sind die drei größten Städte Mexikos, einem Land mit extremer Ungleichheit. Das Bundesministerium für wirtschaftliche Entwicklung schreibt: „Das Vermögen ist zwischen den Landesteilen und Bevölkerungsgruppen äußerst ungleich verteilt.“ Im Norden und Zentrum liegen relativ reiche Regionen mit Unternehmen auf Weltmarktniveau, der Süden ist weniger entwickelt.
Mexiko-Stadt: Zentrum der Gegensätze
Mexiko-Stadt ist mit über 20 Millionen Einwohnern der Mittelpunkt des Landes. Mitreißend, faszinierend, bunt und lebhaft – zu den Höhepunkten zählt der „Día de muertos“. Doch die Stadt ist auch laut, die Luft in über 2200 Metern Höhe durch den Verkehr oft stickig. Dunkle Straßen bergen Gefahren, die Unterschiede zwischen Arm und Reich sind offensichtlich.
Monterrey: Wohlhabende Industriemetropole
Im Nordosten liegt Monterrey, nur 200 Kilometer von der US-Grenze entfernt. Die wohlhabende Industriemetropole blieb in den vergangenen Jahren von größeren Gewaltausbrüchen der Kartelle weitgehend verschont.
Guadalajara: Hochburg des CJNG-Kartells
Im Westen liegt Guadalajara, voller Kultur und Tradition – die Mariachi-Musik hat hier ihren Ursprung. Doch die Stadt gilt auch als Hochburg des Cártel Jalisco Nueva Generación (CJNG). Im Februar 2025 führte die Tötung von Anführer „El Mencho“ zu Gewaltausbrüchen mit über 70 Toten. Das Auswärtige Amt rät von Reisen in den Bundesstaat Jalisco ab, mit Ausnahme der Metropolregion Guadalajara bei Anreise per Flugzeug.
Bereits in den 1970er Jahren entstand in Guadalajara das erste große Kartell Mexikos. Nach der Festnahme von Drogenboss Miguel Ángel Félix Gallardo 1989 zerfiel die Organisation in rivalisierende Gruppen, darunter das Sinaloa-, Tijuana-, Golf- und Juárez-Kartell, die den mexikanischen Drogenkrieg prägten.
Kartelle und die WM: Gewalt oder Geschäft?
Sicherheitsexperten gehen nicht davon aus, dass die Kartelle die WM gezielt für Gewalt nutzen werden. „Sie möchten sich keinen weiteren Ärger einhandeln“, sagte ein Polizeichef in Jalisco der Nachrichtenseite CrashOut. „Sie gehen klug vor und werden vorsichtig sein.“ Zudem sei eine WM auch für die Kartelle lukrativ, so Forscherin Ana María Cifuentes – etwa durch Drogenhandel, Prostitution und Ticketweiterverkauf.
Die WM-Bühne werden aber die „Guerreros buscadores“ nutzen, die suchenden Krieger. Über 130.000 Menschen gelten in Mexiko als vermisst. „Befeuert wird dieses Verschwindenlassen durch organisierte Kartelle, korrupte Behörden und Militarisierung“, schreibt Amnesty International und verweist auf Massengräber nahe dem Stadion in Guadalajara mit mindestens 500 Leichen.
Illegale Geschäfte: Mehr als nur Drogen
In der mexikanischen Unterwelt geht es längst nicht mehr nur um Drogenhandel. Vor 40 Jahren, bei der WM 1986, war das noch anders. Heute haben sich die illegalen Geschäfte ausgeweitet: Benzindiebstahl und -schmuggel sind ein Milliardengeschäft, Schutzgelderpressung betrifft Avocadobauern bis Ladenbesitzer, und Produktpiraterie – von gefälschten Medikamenten bis zu Trikots der Nationalmannschaft – ist eine große Einnahmequelle.
Mexiko bleibt ein Land der Gegensätze, in dem die Kartelle mit das Sagen haben. Die WM 2026 wird die Welt auf diese Realität blicken lassen.



