Der Handschlag dauert zehn Sekunden, sechs Hände greifen ineinander. Eine Hand liegt auf der anderen, kaum ist zu erkennen, welche wem gehört. Nikol Paschinjan, der Mann an der Spitze der Kaukasusrepublik Armenien, grinst. Er hat Grund zur Freude: Der Regierungschef ist wiedergewählt worden. Die Europäische Union jubelt, der Kreml hingegen argwöhnt. Steuert der einstige Schützling Moskaus nun in Richtung Europa?
Ein Sieg für die Demokratie?
Die Wiederwahl von Nikol Paschinjan wird von vielen als Triumph der Demokratie in Armenien gefeiert. Der 46-Jährige hatte sich 2018 an die Spitze einer friedlichen Revolution gesetzt und versprach, die Korruption zu bekämpfen und die Wirtschaft zu reformieren. Sein Kurswechsel hin zu einer pro-europäischen Außenpolitik sorgt jedoch für Spannungen mit Russland, das traditionell enge Beziehungen zu Armenien pflegt.
Paschinjans Balanceakt
Paschinjan steht vor der Herausforderung, die Beziehungen zu Russland nicht zu gefährden, während er gleichzeitig die Annäherung an die EU vorantreibt. Er betont stets, dass Armenien weiterhin Mitglied der von Russland geführten Eurasischen Wirtschaftsunion bleiben werde. Gleichzeitig sucht er jedoch engere Kooperation mit Brüssel, insbesondere in den Bereichen Handel und Sicherheit.
Reaktionen aus Moskau und Brüssel
Die Reaktionen auf Paschinjans Wiederwahl fallen unterschiedlich aus. Während EU-Vertreter die demokratischen Fortschritte Armeniens loben, zeigt sich der Kreml reserviert. Russische Medien spekulieren über einen möglichen Kurswechsel Armeniens, der die russischen Interessen im Südkaukasus beeinträchtigen könnte. Paschinjan selbst bemüht sich, die Wogen zu glätten: Er würdigte die Rolle Russlands als wichtigen Partner und betonte die strategische Bedeutung der bilateralen Beziehungen.
Zukunftsperspektiven
Die kommenden Monate werden zeigen, ob Paschinjan seinen Balanceakt zwischen Ost und West fortsetzen kann. Die innenpolitische Lage in Armenien bleibt angespannt, die Wirtschaft leidet unter den Folgen der Corona-Pandemie und des Konflikts um Bergkarabach. Doch mit seiner Wiederwahl hat Paschinjan einen klaren Auftrag erhalten, seinen Reformkurs fortzusetzen. Die EU hat bereits Unterstützung zugesagt, während Moskau abwartet.
Armenien steht an einem Scheideweg. Paschinjan muss nun beweisen, dass er sowohl die Erwartungen seiner europäischen Partner als auch die Bedenken des Kremls berücksichtigen kann. Der Handschlag mit den sechs Händen mag symbolisch sein – doch die Herausforderungen sind real.



