Historische Wahl in Ungarn: Orbáns Macht auf dem Prüfstand
Budapest befindet sich im Ausnahmezustand. Die Parlamentswahl in Ungarn entwickelt sich zu einem historischen Ereignis, das die politische Landschaft des Landes möglicherweise grundlegend verändern wird. Langzeit-Ministerpräsident Viktor Orbán (62) sieht sich der stärksten Herausforderung seiner politischen Karriere gegenüber.
Rekord-Wahlbeteiligung und angespannte Stimmung
Schon am frühen Nachmittag zeichnete sich ab: Diese Wahl wird anders. Die Wahlbeteiligung erreichte historische Rekordwerte, wie das Portal telex.hu mit der Schlagzeile „Ein brutaler Rekord“ berichtete. Um 15 Uhr hatten bereits mehr Menschen ihre Stimme abgegeben als bei manchen Wahlen insgesamt.
Ein Forschungsinstitut prognostizierte sogar eine 90-prozentige Wahlbeteiligung und eine mögliche Zweidrittelmehrheit für die Opposition. Die Mobilisierung der Wähler ist enorm, besonders unter jenen, die Orbán nach Jahren an der Macht ablösen wollen.
Die Kontrahenten: Orbán gegen Magyar
Die Umfragen sagen einen deutlichen Sieg für Orbáns Herausforderer Péter Magyar (45) von der Tisza-Partei voraus. Doch in der politisch gespaltenen ungarischen Gesellschaft gibt es sowohl Ungläubige als auch solche, die sich nicht zu träumen wagen.
„Es gibt keinen Zweifel, dass wir gewinnen werden“, sagte der Wahlfavorit Magyar selbstbewusst – doch viele Ungarn zweifeln noch immer. Die Erinnerung an die Wahl vor vier Jahren ist noch frisch, als Orbán trotz schlechter Umfragen seine Zweidrittelmehrheit im Parlament verteidigen konnte.
Emotionale Szenen an den Wahllokalen
Vor dem Wahllokal im Kulturhaus Aranytíz in der Budapester Innenstadt kam es zu hitzigen Auseinandersetzungen. Ein aus Frankreich angereister Fidesz-Wähler wurde von einem Anhänger der Tisza-Partei konfrontiert: „Ist das denn keine Wahleinmischung? Ich zahle meine Steuern hier, du nicht!“
Der Fidesz-Anhänger konterte: „Schreiben Sie, wie aggressiv die sind! So gehen diese Leute mit uns Patrioten um!“ Die emotionale Geladenheit spiegelt die tiefe Spaltung der ungarischen Gesellschaft wider.
Familien mobilisieren für den Systemwechsel
Besonders bemerkenswert ist die Mobilisierung der Diaspora. Piroska (82) aus einer Provinzstadt südlich von Budapest berichtet: „Stell dir vor, nicht nur meine Söhne, auch meine Enkel sind für die Wahl aus Westeuropa angereist, so enthusiastisch sind sie, dass wir den Systemwechsel hinkriegen.“
Viele im Ausland lebende Ungarn trauen den Wahllokalen in den Konsulaten ihrer Wohnländer nicht und reisen lieber persönlich an, um ihre Stimme abzugeben.
Manipulationsvorwürfe und Unsicherheit
Im Hintergrund schwingen ernste Vorwürfe mit. Der Berliner Ungarn-Experte Daniel Hegedűs vom Institut für Europäische Politik (IEP) glaubt, dass mögliche Stimmenkäufe und Manipulationen durch Fidesz der Opposition 3 bis 4 Prozentpunkte kosten könnten.
Ein Bericht des Portals „444.hu“ berichtet konkret aus dem Dorf Kerepes, wo angeblich Stimmen für Fidesz mit Gutscheinen im Wert von 10.000 Forint (ca. 36,5 Euro) gekauft worden sein sollen, die im „Penny“-Supermarkt einlösbar waren.
Orbáns mögliche Reaktion auf eine Niederlage
Besonders gefürchtet wird die Reaktion Orbáns für den Fall einer Wahlniederlage. Am Sonntagmorgen, nach seiner eigenen Stimmabgabe, wurde er von Journalisten direkt danach gefragt. Seine Antwort war diplomatisch: Der Wählerwille werde natürlich respektiert.
Doch viele Beobachter fragen sich, wie der langjährige Machthaber tatsächlich reagieren würde, sollte die Prognose eines Sieges für Péter Magyar wahr werden.
Ausblick auf den Wahlabend
Ab 19 Uhr werden erste Nachwahlbefragungen erwartet, ab 20 Uhr gibt es erste Teilergebnisse. Doch je nachdem, wie knapp das Ergebnis ausfällt, kann es bis in die späten Abendstunden dauern, bis wirklich klar ist, wer diese historische Wahl gewonnen hat.
Die Spannung in Budapest ist mit Händen zu greifen. Nach Jahren der Orbán-Herrschaft steht Ungarn möglicherweise vor einem politischen Wendepunkt, dessen Auswirkungen weit über die Landesgrenzen hinaus spürbar sein werden.



