Mexikos Präsidentin Sheinbaum navigiert zwischen Trump und Souveränität: Droht ein Venezuela-Szenario?
Sheinbaum vs. Trump: Mexiko kämpft um Souveränität

Mexikos Präsidentin Sheinbaum navigiert zwischen Trump und Souveränität: Droht ein Venezuela-Szenario?

US-Präsident Donald Trump beschreibt Mexiko als von Drogenkartellen kontrolliert und droht mit militärischem Eingreifen. Die mexikanische Präsidentin Claudia Sheinbaum widerspricht öffentlich und gewinnt damit Respekt. Dennoch wächst die Angst vor einer Eskalation, die an das Venezuela-Szenario erinnert.

Proteste und politische Manöver in Mexiko-Stadt

Unter dem Blick des Angel de la Independencia, einer goldenen Engelsskulptur zu Ehren mexikanischer Freiheitskämpfer, versammelt sich eine kleine Menschenmenge. Nur hundert Meter entfernt steht das ehemalige Gebäude der US-Botschaft, das kürzlich aus dem Stadtzentrum verlegt wurde. Die Demonstranten schwenken kubanische, mexikanische und kolumbianische Fahnen, einige tragen Kleidung in venezolanischen Nationalfarben. Sie protestieren gegen US-Versuche, nach der Festnahme von Venezuelas Präsident Nicolás Maduro auch das kubanische Regime zu destabilisieren.

Trump erhöht den Druck auf Staaten, die Öl an Kuba liefern, und droht mit hohen Zöllen. Sheinbaum gab bekannt, dass vorerst kein Tanker des staatlichen Ölkonzerns Pemex nach Havanna fahren wird – ein bemerkenswerter Schritt, da Mexiko zuletzt Kubas wichtigster Lieferant war.

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„Diese Entscheidung hat sie alles andere als leichtfertig getroffen, dafür ist sie Kuba zu sehr verbunden“, sagt Carolina Tetelboin, eine pensionierte Akademikerin am Rande der Demonstration. Sie hält die linke Präsidentin für eine kluge Strategin und vergleicht sie mit dem gestürzten chilenischen Präsidenten Salvador Allende. „Sheinbaum weiß, dass sie gegenüber Trump vorsichtig und mit Bedacht vorgehen muss, und will keine Auseinandersetzung riskieren. Gleichzeitig lässt sie sich nicht seinen Willen aufzwingen.“

Zwischen Kooperation und klarer Abgrenzung

Sheinbaum bezeichnete den Öl-Stopp als unabhängige Entscheidung, doch das Timing wird als weiterer Schritt in einer Reihe von Konzessionen an Washington gewertet. Der US-Präsident bekommt jedoch längst nicht alles: Sheinbaum lehnt seine Forderungen nach einem US-Militäreinsatz gegen Drogenkartelle ebenso entschieden ab wie Angebote zur Beteiligung amerikanischer Spezialkräfte an der Zerstörung von Drogenlaboren.

Für die 63-Jährige ist es ein anspruchsvolles Manöver zwischen Kooperation und klarer Abgrenzung, um nationale Interessen und Souveränität zu wahren. Bisher scheint ihr dies zu gelingen – unterstützt von breiter Zustimmung im Land.

In seiner zweiten Amtszeit hat Trump den Ton gegenüber Lateinamerika verschärft und den US-Anspruch auf Einfluss in der Region offener formuliert. Mexiko ist dabei zentral: als Handelspartner, Schlüsselstaat für Migration und Ausgangspunkt der Bedrohung durch Kartelle, die Drogen in die USA schleusen und jährlich Tausende Amerikaner töten, insbesondere durch Fentanyl.

Strategische Signale und rote Linien

Um die richtigen Signale zu senden, verwies Sheinbaum darauf, dass die von den USA an der Grenze beschlagnahmte Menge an Fentanyl seit ihrem Amtsantritt im Oktober 2024 um etwa die Hälfte zurückgegangen sei. Die Drogen würden bereits in Mexiko abgefangen – auch wenn Experten das nicht allein auf ihre Politik zurückführen.

Nach einer Zolldrohung Trumps im Februar einigte sich Sheinbaum mit ihm auf verstärkte Grenzsicherung und entsandte zusätzliche 10.000 Nationalgardisten und Soldaten an die Nordgrenze. Mexiko schickte im vergangenen Jahr mehrere Flugzeuge mit hochrangigen Kartellmitgliedern in die USA und erhob hohe Zölle auf chinesische Produkte, um Pekings Einfluss in der Region zu begrenzen.

„Mexiko ist ein freies und souveränes Land: Zusammenarbeit ja, Unterordnung und militärische Intervention nein.“ Mit diesen Worten zieht Sheinbaum bei Trumps Drohungen mit Militäreinsätzen die rote Linie. Auch gemeinsame Operationen mit US-Spezialkräften lehnt sie ab.

Ungewöhnlicher Respekt und politische Kalküle

Dennoch ist Sheinbaum die einzige von Trumps politischen Gegenspielerinnen, bei der er auf Schmähungen verzichtet. Er bezeichnete sie in Telefonaten und Interviews als „sehr intelligente Führungspersönlichkeit“ und „eine wunderbare Frau“.

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Diese schmeichelnden Zuschreibungen dürften wenig mit dem Charisma der Präsidentin zu tun haben, die wegen ihrer kühlen und nüchternen Art mitunter als „Eis-Lady“ bezeichnet wird. Doch gerade dieser Charakterzug der promovierten Naturwissenschaftlerin scheint für das ungewöhnlich respektvolle Verhältnis verantwortlich zu sein.

„Sie schafft es, gegenüber Trump den richtigen Ton zu treffen, und hat damit Konflikte erfolgreich vermieden“, sagt Ricardo Zuniga, ehemaliger US-Diplomat und Experte für das Verhältnis zwischen Lateinamerika und den USA. Laut dem Politikwissenschaftler hat Sheinbaum wie kaum eine andere Staatschefin Trumps Verhandlungsstil verstanden. „Ihre Gespräche sind sehr direkt und transaktional. Das ist die Art Konfliktlösung, auf die Trump anspricht.“

Bürgerliche Sorgen und zukünftige Bedrohungen

In Hörweite der Proteste vor der US-Botschaft sitzt Victor Martinez in der Sonne und macht ein Selfie. Der 20-Jährige hält Sheinbaums Verhältnis zu Trump für stabil, doch das reiche nicht. „Die Regierung müsse deutlich mehr gegen die Kartelle tun. Solange das nicht passiert, hat Trump einen Grund für seine Drohungen.“ Nach dem US-Militäreinsatz in Venezuela habe er den Eindruck, dass „alles möglich sei“.

Viele Beobachter, darunter Ex-Diplomat Zuniga, rechnen trotz Sheinbaums Anstrengungen damit, dass Trump früher oder später seine Drohung wahr macht und es zu Militäreinsätzen gegen Kartelle kommt. Bis zu den Midterm-Wahlen in den USA im November könnte sich die Entscheidung aber verzögern.

Zuniga verweist auf die Abschüsse mutmaßlicher Drogenboote im Pazifik, die bei der US-Bevölkerung extrem unbeliebt sind, besonders seit Medienberichte darauf hinwiesen, dass in mindestens einem Fall Zivilisten getötet worden sein sollen. „Der Einsatz von Gewalt durch diese Regierung erzeugt viel Skepsis bei den Wählerinnen und Wählern. Ich glaube, dass das am Ende weit mehr Einfluss hat als jede internationale Reaktion“, so Zuniga. Noch sehe er nicht, dass US-Bürger eine weitere Bodenoperation in Mexiko oder anderswo in Lateinamerika unterstützten.