Osterwaffenruhe in der Ukraine offiziell beendet
Die von Moskau angeordnete Waffenruhe zum orthodoxen Osterfest ist um Mitternacht Ortszeit am Sonntag abgelaufen. Wie bereits bei früheren Feuerpausen zu religiösen Feiertagen bezichtigten sich die Kriegsparteien unmittelbar nach Ablauf gegenseitig, gegen die vereinbarte Ruhe verstoßen zu haben. Sowohl Russland als auch die Ukraine berichteten von weiteren militärischen Angriffen der jeweiligen Gegenseite, allerdings in deutlich geringerem Umfang als an regulären Kampftagen.
Geringere Intensität während der Feuerpause
Anders als an normalen Kriegstagen gab es nach Angaben des ukrainischen Generalstabs in Kiew keine Angriffe mit russischen Raketen und präzisionsgelenkten Gleitbomben. Dies führte insgesamt zu weniger Opfern und geringeren Zerstörungen als während der üblichen Kampfhandlungen im Moskauer Angriffskrieg. Russland verzeichnete seinerseits keine ukrainischen Angriffe auf die für die russische Kriegswirtschaft bedeutende Ölindustrie, was auf eine teilweise Einhaltung der Vereinbarung hindeutet.
Kremlchef Wladimir Putin hatte ursprünglich verfügt, dass für 32 Stunden die Waffen bis Mitternacht Ortszeit am Sonntag schweigen sollten, damit die orthodoxen Christen in Russland und der Ukraine in Ruhe Ostern feiern können. Die orthodoxen Christen feiern in diesem Jahr ihre Osterfestlichkeiten eine Woche nach den westlichen Kirchen.
Gefangenenaustausch trotz angespannter Lage
Kurz vor Beginn der Osterfeierlichkeiten vollzogen das russische und das ukrainische Militär einen bedeutenden Gefangenenaustausch. Beide Seiten tauschten jeweils 175 Militärangehörige und 7 Zivilisten aus und kündigten an, dass diese in unregelmäßigen Abständen stattfindenden Austausche fortgesetzt werden sollen. Das ukrainische Militär warf Russland jedoch vor, am Sonntag mehrere russische Kriegsgefangene an der Front mit Kampfdrohnen angegriffen und dabei verletzt zu haben. Diese Behauptungen konnten von unabhängiger Seite nicht verifiziert werden.
Gespannte Frontlage mit zahlreichen Verstößen
Die militärische Lage an der Front blieb während der gesamten Waffenruhe äußerst angespannt. Der ukrainische Generalstab registrierte insgesamt 2.299 Verletzungen der seit Samstag geltenden Feuerpause. Konkret handelte es sich dabei unter anderem um 479 Fälle von Artilleriebeschuss und etwa 1.800 Angriffe mit kleineren Drohnen. „Schläge mit Raketen, Gleitbomben und Drohnen vom Typ Shahed gab es nicht“, teilte der Generalstab weiter mit. Am Sonntag seien von den Frontabschnitten im Osten des Landes 55 Gefechte infolge russischer Angriffe gemeldet worden, was sich ebenfalls nicht unabhängig überprüfen ließ.
Auch die ukrainischen Luftstreitkräfte bestätigten, dass es für ihre Einheiten eine Kampfpause von etwa 18 Stunden gegeben habe. Am frühen Morgen habe es allerdings im Gebiet Sumy einen für die Flugabwehr relevanten russischen Drohnenangriff gegeben. Im Gebiet Charkiw im Osten der Ukraine meldeten die lokalen Behörden nach einem russischen Drohnenangriff während der Waffenruhe zwei Verletzte in einem Lebensmittelgeschäft.
Russische Vorwürfe und ukrainische Initiative gescheitert
Das russische Verteidigungsministerium warf seinerseits der Ukraine gezielte Angriffe vor. Die ukrainische Armee habe trotz des Osterfriedens russische Stellungen unter anderem im Raum Pokrowsk im Gebiet Donezk sowie im Gebiet Dnipropetrowsk angegriffen. „Alle Attacken wurden erfolgreich abgewehrt“, hieß es in einer offiziellen Stellungnahme. Aus der südrussischen Region Belgorod wurde zudem ein Angriff mit einer ukrainischen Drohne gemeldet, durch den ein Bewohner verletzt wurde.
Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj scheiterte mit seinem Vorschlag, aus der temporären Waffenruhe einen dauerhaften Waffenstillstand zu machen. Kremlsprecher Dmitri Peskow bekräftigte im russischen Staatsfernsehen, dass die Kampfhandlungen nach Ablauf der Feuerpause wieder aufgenommen würden, falls Selenskyj keine Entscheidung treffe, sich auf die russischen Bedingungen für Friedensverhandlungen einzulassen. Die von Moskau geforderte Gebietsabtretung im Donezk-Gebiet als Grundlage für Friedensgespräche lehnt Kiew weiterhin kategorisch ab.
Im Donezk-Gebiet stehen nach Angaben von Peskow noch etwa 18 Prozent des Territoriums unter ukrainischer Kontrolle. Die Ukraine kontrolliert dort ihre strategisch wichtigen Städte Kramatorsk und Slowjansk, die als wichtige Verteidigungspunkte im Ostukraine-Konflikt gelten. Die Ukraine verteidigt sich seit mehr als vier Jahren mit umfangreicher westlicher Militärhilfe gegen den russischen Angriffskrieg, der weiterhin das gesamte Land in Atem hält.



