Ex-Außenminister Kuleba: Wendepunkt im Ukraine-Krieg ist kontraproduktiv
Kuleba: Wendepunkt im Ukraine-Krieg kontraproduktiv

Der ehemalige ukrainische Außenminister Dmytro Kuleba hat sich skeptisch über einen baldigen Waffenstillstand im Ukraine-Krieg geäußert und vor einem möglichen zweiten Kriegsschauplatz in Europa gewarnt. In einem Interview mit dem Handelsblatt betonte Kuleba, dass die Diskussion über einen Wendepunkt im Krieg kontraproduktiv sei, da sich dieser erst im Rückblick erkennen lasse. Er forderte vom am Dienstag beginnenden Nato-Gipfel in Ankara vor allem die Lieferung weiterer Patriot-Abfangraketen, die für die Verteidigung der Ukraine essenziell seien.

Nato-Gipfel in Ankara: Erwartungen an Patriot-Lieferungen

Kuleba, der sein Amt als Außenminister 2024 niedergelegt hatte und heute als Senior Fellow an der Harvard University sowie als Professor in Paris tätig ist, zeigte sich zurückhaltend in seinen Erwartungen an den Nato-Gipfel. „Ich glaube nicht, dass es ein großer Ukraine-Gipfel wird“, sagte er. Die zugesagten 70 Milliarden Euro für dieses und das kommende Jahr seien keine neuen Zusagen, sondern lediglich die Bestätigung bereits gemachter Versprechen. „Die Lieferung von weiteren Patriots wäre die einzige wirklich bedeutsame Gipfelzusage“, so Kuleba. Allerdings räumte er ein, dass die USA nach dem Irankrieg ihre Bestände erst wieder auffüllen müssten und Deutschland bereits einen dramatischen Beitrag geleistet habe.

In der Nacht auf Montag hatte Russland Kiew mit 23 ballistischen Raketen angegriffen, wobei mehr als ein Dutzend Menschen getötet wurden. Kuleba berichtete, dass keine einzige Patriot-Abfangrakete abgefeuert wurde – ein Zeichen für den großen Mangel an Abfangraketen.

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Kein Wendepunkt: Kuleba warnt vor voreiligen Schlüssen

Trotz militärischer Fortschritte der Ukraine in den letzten sechs Monaten lehnte Kuleba die Rede von einem Wendepunkt ab. „Wer hätte im Winter 1943 gesagt, dass Stalingrad der Wendepunkt im Zweiten Weltkrieg war?“, fragte er. Wendepunkte ließen sich erst im Nachhinein erkennen. „Das Gerede vom Wendepunkt ist kontraproduktiv, weil es ein falsches Bild von der Dynamik auf dem Schlachtfeld vermittelt“, erklärte der Diplomat. Bezüglich der strategisch wichtigen Stadt Kostjantyniwka im Donbass, die Russland angeblich erobert hat, verwies Kuleba auf Winston Churchill: „Dies ist nicht das Ende, es ist nicht einmal der Anfang vom Ende, aber es ist vielleicht das Ende des Anfangs.“ Der Krieg sei noch sehr weit vom Ende entfernt.

Putins Optionen: Zweiter Kriegsschauplatz und Atomwaffendrohung

Kuleba skizzierte fünf mögliche Strategien, die Putin verfolgen könnte: einen technologischen Durchbruch, neue Taktiken, eine Mobilmachung, die Eröffnung eines zweiten Kriegsschauplatzes in Europa oder die Drohung mit Atomwaffen. Er glaubt, dass Putin mit den ersten vier Optionen spielen werde, während er mit der fünften droht. Besonders warnte Kuleba vor der Möglichkeit eines zweiten Kriegsschauplatzes: „Fünf Drohnen reichen, um die Schwäche der Luftverteidigung offenzulegen und ein politisches Dilemma für die Regierung zu schaffen.“ Ein solcher Angriff könnte auf das Baltikum, Polen oder sogar Deutschland zielen.

Auf die Frage, wie die Nato reagieren würde, sagte Kuleba: „Die Nato würde schwierige Momente erleben. Es würde eine politische Reaktion geben, aber keine kollektive militärische Reaktion.“ Er verwies auf den Krieg zwischen den USA und Iran, wo angegriffene Staaten zurückgeschlagen hätten. „Genau diese Situation will Putin. Sein Ziel in Europa ist nicht die Eroberung, sondern Europa von innen heraus zu zerschlagen.“

Kein Waffenstillstand 2026: Selenskyjs Hoffnung unrealistisch

Kuleba äußerte sich auch zu den Aussichten auf einen Waffenstillstand. Präsident Wolodymyr Selenskyj hoffe zwar darauf, wisse aber genau, dass Putin anders denke. „Putin wird sich auf keine ernsthaften Verhandlungen einlassen. Für ihn sind die Gespräche nur ein Mittel, um den möglichen Druck der USA zu kontrollieren“, so Kuleba. Er glaube nicht, dass es dieses Jahr ernsthafte Gespräche und einen Waffenstillstand geben werde. Auch das Verhältnis zu US-Präsident Donald Trump bewertete Kuleba kritisch: „Es wäre unklug von Kiew oder Berlin oder Paris, ohne Trump zu planen. Langfristig müssen die Europäer ihre Zukunft so gestalten, als ob Amerika nicht existierte.“ Solange Trump sich nicht von Putin abwende, werde man mit halben Lösungen leben müssen.

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