Nach der jüngsten militärischen Eskalation in der Straße von Hormus könnte es heute in Doha zu Krisengesprächen zwischen Vertretern der USA und des Iran kommen. US-Präsident Donald Trump schrieb auf Truth Social: „Der Iran hat um ein Treffen gebeten.“ Aus Teheran klang das anders: Vizeaußenminister Kasem Gharibabadi sagte laut Isna, eine Gesprächsrunde werde stattfinden, „sobald die Voraussetzungen geschaffen sind und Einigkeit über Termin und Veranstaltungsort erzielt wurde“. Technische Sitzungen der Arbeitsgruppen seien diese Woche nicht geplant, Konsultationen über Vermittler würden aber fortgesetzt.
Kushner und Witkoff reisen nach Doha
Trumps Sprecherin Karoline Leavitt bestätigte, dass Trumps Schwiegersohn Jared Kushner und der US-Sondergesandte Steve Witkoff diese Woche für Gespräche in die katarische Hauptstadt fliegen. Sollten sie stattfinden – ob heute oder später – wird laut US-Medien nicht Irans Atomprogramm im Mittelpunkt stehen, sondern der Streit um die Straße von Hormus.
Rahmenabkommen mit Interpretationsspielraum
Die Wiederöffnung der für den globalen Handel mit Öl, Gas und Dünger wichtigen Straße von Hormus ist ein zentrales Element des Rahmenabkommens, das Washington und Teheran vor rund zwei Wochen verständigt hatten. Der entsprechende Passus enthält jedoch Formulierungen, die Interpretationsspielraum lassen: Der Iran werde nach „besten Kräften Vorkehrungen treffen“, um Handelsschiffen für 60 Tage gebührenfrei sichere Durchfahrt zu ermöglichen. Die Begriffe „Vorkehrungen“ und „besten Kräften“ blieben undefiniert, stellt die Denkfabrik Soufan Center fest. Experten interpretieren den Artikel nicht so, dass er Irans Position rechtfertige, wonach Schiffe nur auf von Teheran festgelegten Routen fahren dürfen.
Nicole Grajewski von der Pariser Elitehochschule Sciences Po sagte der New York Times, das Rahmenabkommen habe „bewusst auf flexible Formulierungen gesetzt, weil dies wahrscheinlich der einzige Weg war, sie zum Abschluss zu bringen“. Beide Seiten versuchten nun, Fakten zu ihren Gunsten zu schaffen, bevor die Details final festgelegt werden.
Warum riskiert der Iran den Bruch der Waffenruhe?
Der Iran beharrt während der ohnehin wackeligen Waffenruhe auf alleiniger Kontrolle über die Meerenge. Experten nennen strategische Gründe:
- Maximaler Druck auf die USA: Die iranischen Revolutionsgarden nutzten die Straße von Hormus „als Instrument zur Ausübung von Druck und zur Stärkung ihrer Verhandlungsposition“, sagte eine Sicherheitsexpertin in Teheran, die anonym bleiben möchte. Mit den Angriffen demonstrierten sie „ihre Fähigkeit und Kontrolle über diese strategisch wichtige Wasserstraße“. Außenminister Abbas Araghtschi betonte am Sonntag, der Iran sei laut Rahmenabkommen allein verantwortlich für die Verwaltung der Meerenge. Teheran signalisiert: Rüttelt ihr an unserer Souveränität, trifft das den globalen Energiemarkt.
- Druck auf die Golfstaaten: Irans Angriffe auf US-Militärstützpunkte in Bahrain und Kuwait könnten Teil des Bestrebens sein, die Golfstaaten zur Akzeptanz der iranischen Kontrolle zu zwingen, so das US-Institut für Kriegsstudien (ISW). Es könne ein Signal sein, dass der Iran militärisch vorgehen könnte, sollten sie die USA unterstützen. Sultan Barakat von der Hamad Bin Khalifa University in Katar wertet die Eskalation als Signal, dass der Iran im Zweifelsfall militärische Gewalt anwendet. Der Konflikt sei durch eine neue Route Omans verschärft worden. Ali Vaez von der International Crisis Group sagte dem Wall Street Journal: „Der Iran hat wenig Interesse daran, zuzusehen, wie sein politischer Hebel mit jedem Schiff, das in omanische Gewässer umgeleitet wird, schwindet.“
- Verknüpfung mit dem Libanon: Das Rahmenabkommen sieht auch ein Ende der Kämpfe im Libanon zwischen Israel und der Hisbollah vor. Experten kritisieren, die USA hätten dem Iran ein Vetorecht über Entwicklungen im Libanon zugestanden. Der Iran will die Hisbollah schützen und nimmt dafür den Bruch der Waffenruhe in Kauf. Die Straße von Hormus dient als asymmetrische Waffe. Der Rückzug Israels aus dem Libanon wird zur Bedingung für ein dauerhaftes Kriegsende gemacht.
Atomprogramm als Verhandlungsmasse?
Der Iran versuche, die Atomverhandlungen davon abhängig zu machen, dass die USA Israel dazu bewegen, das militärische Vorgehen gegen die Hisbollah einzustellen und sich aus libanesischem Gebiet zurückzuziehen, heißt es in einer ISW-Analyse. Dies diene Irans Bemühungen, die Hisbollah zu erhalten und die Atomverhandlungen in die Länge zu ziehen.
US-Interesse: Normalisierung ohne Gebühren
Die USA haben kein Interesse an einem Wiederaufflammen des Kriegs. Für sie ist zunächst wichtig, dass sich die Lage in der Straße von Hormus normalisiert, ohne vom Iran erhobene Gebühren. Trump habe eine Öffnung der Meerenge mit militärischen Mitteln mehrfach erwogen, schreiben die Experten des Soufan Centers, lehnte diese Option jedoch ab, „da sie voraussichtlich zu erheblichen Verlusten auf US-Seite geführt und den Krieg auf unbestimmte Zeit verlängert hätte“.



