In diesen Tagen bietet der englische Buchmacher William Hill eine ungewöhnliche Wette an: Wer ein Pfund darauf setzt, dass Premierminister Keir Starmer zurücktritt, bevor England bei der Fußball-WM ausscheidet, kann zehn Pfund gewinnen. Das ist kein Vertrauensbeweis für den politisch angeschlagenen Regierungschef, sondern spiegelt die Zweifel an den Titelchancen der Nationalmannschaft wider. Bis September, so der Buchmacher mit 66 Prozent Wahrscheinlichkeit, ist Starmer Geschichte. In 10 Downing Street sortieren Beamte bereits die Akten für den Machtwechsel.
Der Herausforderer aus Manchester
Der Mann, der Starmer ablösen will, heißt Andy Burnham und ist derzeit Bürgermeister des Großraums Manchester. Bevor der 56-Jährige den Regierungschef als Vorsitzender der regierenden Labour-Partei herausfordern kann, muss er am 18. Juni eine entscheidende Hürde nehmen: die Nachwahl im Wahlkreis Makerfield unweit von Manchester. Der Sitz wurde frei, weil sein Parteifreund Josh Simons ihn geräumt hat, um Burnham den Weg ins Parlament und nach 10 Downing Street zu ebnen.
Showdown in der Brexit-Region
Burnhams härtester Rivale ist Robert Kenyon von der rechtspopulistischen Reform-UK-Partei, die in Makerfield die Kommunalwahl im Mai mit 50 Prozent der Stimmen gewonnen hat. Kenyon, im Hauptberuf Klempner, ist nur Statthalter. Hinter ihm steht Nigel Farage, Brexit-Veteran und Reform-UK-Chef, der Burnham politisch früh kaltstellen und spätestens bei den Parlamentswahlen 2029 selbst in die Downing Street einziehen will. Aussichtslos ist das nicht: In Umfragen liegt Reform UK zehn Prozentpunkte vor Labour.
Auch bei der anstehenden Nachwahl haben die Rechtspopulisten durchaus Chancen, obwohl Burnham der klare Favorit ist. Der Wahlkreis besteht zu 96 Prozent aus in Großbritannien geborenen Weißen, von denen 2016 zwei Drittel für den Brexit gestimmt haben. „Das ist ein Ort, in dem Reform mit guten Ergebnissen rechnen kann“, sagt Jon Tonge, Professor für Politikwissenschaft an der Universität Liverpool.
Damit wird die Nachwahl in einer Region mit rund 76.000 Wählern zu einem Showdown, der nicht nur die Zukunft Großbritanniens, sondern sogar Europas politische Landkarte verändern könnte. Burnham muss nicht nur beweisen, dass er mit einer linken Politik den Vormarsch von Farage stoppen kann. Der Labour-Politiker will zehn Jahre nach dem Brexit-Referendum die Weichen dafür stellen, dass das Königreich wieder in die EU zurückkehrt. „Ich wünsche mir, dass wir noch zu meinen Lebzeiten wieder beitreten. Das heißt aber nicht, dass man das Referendum jetzt erneut durchführen sollte“, sagt Burnham.
Historischer Hintergrund
Makerfield mit der Kleinstadt Wigan als Zentrum liegt im alten industriellen Norden Englands entlang der sogenannten „roten Mauer“ von ehemaligen Labour-Hochburgen zwischen Manchester und Liverpool. Traurige Berühmtheit erlangte die Kohleregion durch den Schriftsteller George Orwell, der 1937 in seinem Buch „The Road to Wigan Pier“ die erbärmlichen Lebensbedingungen der Bergarbeiter schilderte und im Sozialismus die letzte Rettung vor dem Faschismus sah. Die aktuelle Richtungswahl erscheint kaum weniger dramatisch.
Die Lage ist weiter prekär: Rund 28 Prozent der Einwohner zwischen 16 und 64 gelten als „wirtschaftlich nicht aktiv“. „Die Familien hier stehen unter enormem Druck durch die hohen Lebenshaltungskosten und sind völlig erschöpft von einem politischen System, das sie als kaputt und eigennützig empfinden“, berichtet Veronica Hawking von der Bürgerinitiative 38 Degrees. Viele wünschten sich ein Großreinemachen in der Politik.
Mordfall heizt Wahlkampf an
Zusätzlich angeheizt wird der Wahlkampf durch den Mord am 18-jährigen Studenten Henry Nowak im Dezember. Videos zeigen, dass die Polizei in Southampton zuerst fälschlicherweise den schwer verletzten Nowak festnahm, nachdem sein Mörder, der Sikh Vickrum Digwa, behauptet hatte, aus rassistischen Motiven angegriffen worden zu sein. Farage warf der Polizei vor, unter dem Druck des Antirassismus Weiße schlechter zu behandeln. Die Öffentlichkeit solle mit „purer, eiskalter Wut“ reagieren. Anfang Juni lieferten sich rechte Demonstranten Straßenschlachten mit der Polizei. Nach einer Messerattacke eines Asylbewerbers in Belfast kam es auch in Nordirland zu gewalttätigen Protesten.
Rückendeckung erhielt Farage von US-Vizepräsident J.D. Vance, der indirekt eine „Masseninvasion von Migranten“ für den Tod Nowaks verantwortlich machte. Digwa wurde jedoch in Großbritannien geboren und zu 21 Jahren Gefängnis verurteilt. Mit seinem Wutaufruf will Farage offenbar verhindern, dass rechte Wähler zur noch weiter rechts stehenden Splitterpartei „Restore Britain“ überlaufen, die vom US-Milliardär Elon Musk unterstützt wird und bei der Nachwahl mehr als fünf Prozent holen könnte.
Ausgerechnet das könnte Burnham nützen. „Eine Spaltung der Rechten könnte helfen, da Restore Britain Farages Reform UK Stimmen wegnimmt“, sagt Mujtaba Rahman, Europa-Chef der Politikberatung Eurasia-Group. Burnham präsentiert sich als Versöhner und warnt vor einer politischen Spaltung des Königreichs, wie in den USA.
Burnhams Stil und Programm
Der erhoffte Zweisprung über Makerfield nach 10 Downing Street führt dazu, dass Burnham beim Haustürwahlkampf schon nach seiner Kabinettsliste gefragt wird. „Das Besondere an Andy ist, dass er den Umgang mit der Öffentlichkeit wirklich genießt“, sagte die frühere Verkehrsministerin Louise Haigh, die Burnhams Wahlkampf leitet. Damit steht er im Kontrast zu Starmer, der bei Auftritten oft spröde wirkt und als unbeliebtester Premier seit dem Zweiten Weltkrieg gilt. Burnham verbindet das populistische Charisma eines Boris Johnson mit der Aura des Linksintellektuellen und redet lieber über besseren Nahverkehr als über die Weltwirtschaftsordnung.
Kritiker halten ihn für ein politisches Leichtgewicht. In einem BBC-Interview nach den Fiskalregeln gefragt, wich er aus. Zuvor hatte er Investoren mit dem Satz aufgeschreckt, die Politik dürfe sich nicht von den Bondmärkten abhängig machen. Die Risikoaufschläge für britische Staatsanleihen sind gestiegen; mit rund fünf Prozent zahlen die Briten für zehnjährige Anleihen die höchsten Zinsen der G7.
„Eine Regierung unter Burnham würde weniger Umbrüche mit sich bringen, als die Märkte annehmen“, vermutet Rahman. Einkommen- oder Vermögensteuer würde er wahrscheinlich nicht erhöhen, auch keine großangelegte Verstaatlichung erwartet der Experte. Burnham wurde katholisch erzogen, hat in Cambridge Englisch studiert und kam mit dem Wahlsieg Tony Blairs 1997 in die Politik. Unter Gordon Brown brachte er es bis zum Gesundheitsminister. In der Opposition bewarb er sich zweimal erfolglos um den Parteivorsitz, bevor er 2017 Bürgermeister von Manchester wurde.
„Diese Auszeit war für ihn wirklich lehrreich, und seine Fähigkeit, ein Gespür dafür zu entwickeln, wo die Öffentlichkeit steht, würde ich mit Boris Johnson vergleichen“, sagte Haigh. Mit Johnson teilt er auch Geschmeidigkeit: Bis vor Kurzem machte Burnham Deindustrialisierung, Privatisierung, Sparpolitik und Brexit für den Niedergang verantwortlich. Seit er in Makerfield um Stimmen wirbt, taucht der EU-Austritt nicht mehr auf.
Seine Mission sieht er darin, den von Margaret Thatcher geprägten Neoliberalismus zurückzudrehen. „Das muss jetzt unsere vorrangige Aufgabe sein“, sagt Burnham und propagiert den „Manchesterism“, einen wirtschaftsfreundlichen Sozialismus. Dazu gehört die Rekommunalisierung des Busnetzes in Manchester. Ähnliches plant er mit Wasserwerken und anderen privatisierten Versorgungsbetrieben. Zugleich will er Alterspflege und Sozialleistungen verbessern. Als Blair davor warnte, den sechsten Premier innerhalb von zehn Jahren auszuwechseln, antwortete Burnham: „Man kann die Dinge nicht einfach dem Markt überlassen. Für höheres Wachstum braucht es starke staatliche Kontrolle und Steuerung der Investitionsstrategie.“
Starmers letzte Chancen
Starmer versucht unterdessen, Pluspunkte zu sammeln: ein Verbot sozialer Medien für Teenager unter 16, höhere Verteidigungsausgaben und ein EU-Gipfeltreffen im Juli. Ob es dazu kommt oder ob Starmer vorzeitig zurücktritt, entscheidet sich am 18. Juni in Makerfield. Selbst wenn Burnham scheitert, warten mit Wes Streeting, Ed Miliband und Angela Rayner drei weitere Rivalen. Immerhin: Dann hätte sich Starmer länger gehalten als die englische Nationalelf – das WM-Endspiel ist am 19. Juli.



