Indiens Jugend gründet „Kakerlaken-Bewegung“ gegen Regierung
Indiens „Kakerlaken-Bewegung“ gegen autoritäre Regierung

Ein unbedachter Vergleich eines obersten Richters hat in Indien eine lawinenartige Protestbewegung ausgelöst. Seit Wochen erlebt die sogenannte „Cockroach Janata Party“ (CJP) einen enormen Zulauf unter jungen Menschen. Die hindunationalistische Regierungspartei BJP dürfte dies als Plage empfinden – schließlich bedeutet der Name übersetzt „Kakerlaken-Volkspartei“ und spielt auf die Abkürzung der Regierungspartei an.

Wie alles begann: Der Richter und die Kakerlaken

Auslöser war eine Aussage von Indiens oberstem Richter Surya Kant. Er soll junge Arbeitslose mit Kakerlaken verglichen haben. Zitiert wird er mit den Worten: „Es gibt junge Leute wie Kakerlaken. Sie bekommen keine Anstellung und haben keinen Platz im Berufsleben. Einige von ihnen gehen in die Medien, einige in die sozialen Medien, sie werden Aktivisten für Informationsfreiheit und fangen an, alle zu attackieren.“ Später beteuerte Kant, er habe nur Jugendliche mit gefälschten Abschlüssen gemeint. Doch da war der Satz bereits in aller Munde.

Satire wird zur Bewegung

Der in den USA lebende Inder Abhijeet Dipke, der Public Relations studiert, fragte Mitte Mai auf X: „Was wäre, wenn sich alle Kakerlaken zusammenschließen?“ Daraufhin entstand eine Welle von Beiträgen und KI-Videos mit Kakerlaken. Aus der satirischen Antwort wurde ernst: Dipke gründete mit Freunden und KI-Unterstützung die „Cockroach Janata Party“ und erstellte eine Webseite. Mitglied kann werden, wer arbeitslos, faul und chronisch online ist – und professionell schimpfen kann.

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Die Satire traf einen Nerv: Allein auf Instagram folgen der CJP über 22 Millionen Menschen – mehr als der Regierungspartei. Dipke erklärte der New York Times, man wolle eine unabhängige, von jungen Menschen getragene Bewegung aufbauen, die die Regierung zur Rechenschaft ziehe. „Unter ihnen herrscht das unterschwellige Gefühl, dass das derzeitige politische System sich einfach nicht um sie kümmert“, sagte er.

Unzufriedenheit in der Generation Z

Die Unzufriedenheit unter Indiens Jugend ist groß. Premierminister Narendra Modi und seine BJP regieren zunehmend autoritär. Trotz eines jährlichen BIP-Wachstums von mindestens 6,5 Prozent ist die Ungleichheit hoch. Hinzu kommen Skandale um manipulierte Prüfungen: Bei einem landesweiten Aufnahmetest für Medizinstudiengänge wurden Fragen geleakt und verkauft – bei 130.000 Plätzen und über zwei Millionen Bewerbern.

Petition gegen Bildungsminister

Die CJP startete eine Petition, die die Absetzung des Bildungsministers fordert. „Das Bildungssystem ist in einer Krise. Angefangen bei dem tragischen Verlust von Schülern, die durch Selbstmord ums Leben gekommen sind, bis hin zu den Millionen von Zukunftschancen, die durch ein Jahrzehnt voll mit geleakten Prüfungen zunichte gemacht wurden – dieses Versagen darf nicht ignoriert werden“, heißt es auf ihrer Webseite. Bis Freitag kamen rund 780.000 Unterschriften zusammen, eine Million ist das Ziel.

Regierung sperrt X-Account

Die Regierung sperrte den X-Account der CJP mit Verweis auf Gefahren für die nationale Sicherheit. Die Partei legte sich einen neuen Account zu und ficht die Sperre juristisch an. Das oberste Gericht in Delhi lud Vertreter der Regierung für Juli vor. Zudem kursierte das Gerücht, die Bewegung stamme aus Pakistan. Dipke widersprach: 94 Prozent der Follower seien Inder.

Kann die Bewegung politisch werden?

Der Politikwissenschaftler Christian Wagner von der Stiftung Wissenschaft und Politik hält eine ernsthafte politische Alternative für unwahrscheinlich. „Ich sehe darin eher ein reines Social-Media-Phänomen.“ Zwar sei die Provokation angesichts einer Jugendarbeitslosigkeit von 40 bis 45 Prozent nachvollziehbar. „Doch es ist ein Unterschied, ob man aus Frust einem Kanal folgt oder auch für ein Anliegen auf die Straße geht.“

Wagner vermisst ein klares Anliegen: Die Forderung nach Absetzung des Bildungsministers reiche nicht. „Auch der Austausch einer Personalie würde nicht die Nöte der Jugendlichen beseitigen.“ Zudem sei die BJP selbst extrem stark in sozialen Medien. Premierminister Modi habe zwar bei den Parlamentswahlen einen Rückschlag erlitten, sei aber weiterhin der beliebteste Politiker des Landes. Die BJP gewann gerade eine Regionalwahl in Bengalen.

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Eine Entwicklung wie in Nepal oder Bangladesch, wo Jugendproteste Regierungen stürzten, sieht Wagner nicht. „Indien ist viel fragmentierter. Da ist es ungleich schwieriger, aus verschiedenen Bevölkerungsteilen eine gesamte politische Bewegung zu bündeln.“ Zudem bräuchte die Partei ein Gesicht in Indien, nicht in den USA. Dipke lebt in den USA.

Dipke selbst sieht das anders: „Kakerlaken überleben alles, die CJP-Bewegung wird da keine Ausnahme sein.“ Wie ernst das gemeint ist, bleibt offen. Die Bewegung wächst – ob sie politisch relevant wird, hängt von vielen Faktoren ab.