Theater hinter Gittern: Wenn Strafgefangene auf der Bühne stehen
Theater hinter Gittern: Strafgefangene auf der Bühne

Schillers „Die Räuber“ gehört heute zu den häufigst aufgeführten Klassikern. Aber gewiss nicht in einem Gefängnis und schon gar nicht mit Häftlingen als Schauspielern. So geschehen jedoch in der JVA Adelsheim für Jugendliche und Heranwachsende.

Adelsheim – Theaterbesucher werden auf dem Weg zu ihren Plätzen wohl eher selten empfangen mit einem lautstarken: „Willkommen im Knast!!“ Dieser Ruf eines Häftlings hallt von irgendwoher über das weitläufige Gefängnisgelände, während die Gäste zu einer Mehrzweckhalle der Anstalt geführt werden. Statt Tickets müssen sie an diesem Abend am Eingang der JVA Adelsheim bei Heilbronn ihre Ausweise vorzeigen. Statt Logen und Samtvorhang gibt es Mauern, Stacheldraht und Überwachungskameras. Statt der üblichen Bildungsbürger sitzen im Publikum Vollzugsbeamte, Neugierige und Angehörige. „Theater hinter Gittern“ nennt sich das Projekt des Theaters Konstanz, das in Haftanstalten im Südwesten mit verurteilten Straftätern Bühnenstücke inszeniert und aufführt. Diesmal also „Die Räuber“, was vielleicht vom Namen her naheliegen mag. Doch so einfach ist es dann nicht, wie die Theaterpädagogin Amelie Wördehoff in ihrer Einführung betont.

Konflikte mit den jungen Häftlingen

„Wir hatten in den vergangenen Wochen Höhen und Tiefen“, sagt die 36-Jährige, es gab Reibereien zwischen den Gefangenen und verbale Konfrontationen mit den Theaterleuten. Ursprünglich waren 15 Häftlinge in dem Projekt, am Ende blieben nur sieben übrig. Noch zwei Wochen vor dem Auftritt flogen zwei Darsteller raus, weil sie sich in der Anstalt geprügelt hatten. „Es war nicht klar, ob wir es bis hierhin schaffen“, sagt Wördehoff. Doch sie haben es geschafft. Und legen nun mit voller Wucht los.

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Musik setzt ein, schwere Beats und Hip-Hop-Klänge, alte Autoreifen, Ölfässer und ein Baugerüst prägen das Bühnenbild. „Eins gegen Eins, steig in den Ring, Einzelkämpfer sein…“, rappen die Darsteller. Sie tragen Sneaker und Sportjacken, künstlicher Nebel steigt auf, zu ihren rhythmischen Bewegungen fallen Zeilen wie: „… Mama schreit mich wütend an, ihre Träne wird weggewischt. Guck uns doch mal an, unser Leben wie ein Actionfilm, schon früh entscheidet sich, ob du mit uns aus einem Teller isst, kleiner Pico, komm ran, ich teste, ob du Gangster bist…“ Schillers Klassiker, zweifellos in neuem Gewand.

„Die Räuber“, 1782 in Mannheim uraufgeführt, ist ein blutiges Familiendrama, mit einem Bruderkonflikt im Mittelpunkt, mit Fälschungen, Finten und Eifersucht, an dessen Ende alle wichtigen Personen sterben. Ein Schlüsselstück des Sturm und Drang, das gewichtige Themen verhandelt wie Freiheit gegen Gesetz, Gerechtigkeit gegen Rache, Idealismus gegen Verrat, und das tragisch ausgeht. Aber das eine Laientruppe aus Straftätern womöglich überfordern und ihre Lebenswelt nur bedingt treffen würde. Das Theater Konstanz hat sich daher für Felix Krakaus Bühnenfassung des Stücks entschieden, mit einer Mischung aus Schiller-Versen und heutiger Sprache, mit Choreografie und Musik, inklusive einem Schuss Humor. „Es ist durch Felix Krakau frischer, lustiger und leichter geworden – auch wenn manchmal die Schwere kurz zu spüren ist“, erklärt Wördehoff.

Es geht um Reue und Strafe, um Vergangenheit und Zukunft

Zudem geht es nur am Rande um den Bruderzwist zwischen Karl, dem Idealisten, und Franz, dem eifersüchtigen Zweitgeborenen, der an der fehlenden Zuneigung des Vaters verzweifelt und zerbricht. „Der Fokus liegt dagegen auf der Räuberbande“, sagt die Theaterpädagogin, „das ist im Gefängniskontext natürlich besonders spannend.“ Weil es für die Protagonisten um die Verantwortung für ihre Taten geht, um Reue und Strafe, um Vergangenheit und Zukunft. Und nicht zuletzt um den Zusammenhalt unter extremen Lebensumständen.

„Kopf hoch Karl, du bist nicht allein“, heißt es auf der Bühne. „Was hältst du davon, eine Räuberbande zu gründen?“ „Aber ich bin doch nicht kriminell“, antwortet Karl, der jedoch schnell ins Grübeln gerät. „Warum denn nicht, was kann schon schiefgehen? Das ist besser, als nichts zu tun.“ Und alle stimmen ein in den Chor. „Wir sind die Crème de la Crème der Kriminalität…“ Gelächter im Publikum.

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Die Theaterprofis hingegen hatten während der wochenlangen Proben nur selten etwas zu lachen. Was bei der Aufführung so lässig rüberkommt, war ein teils quälender Prozess. Seit Jahren arbeitet das Team mit Haftanstalten zusammen, darunter mit U-Häftlingen in Konstanz, mit der internen Schule der Ravensburger JVA Hinzistobel, mit dem Frauenvollzug in Bühl oder eben in Adelsheim. „Das war diesmal eine der schwierigsten Gruppen, die ich bisher hatte“, sagt Wördehoff.

„Wir haben gemerkt, dass die Jugendlichen über wenig soziale Skills verfügen und ganz viel mit respektlosem Verhalten zu tun haben“, was schnell zu Spannungen führte. „Dann gab es zwei Fronten, die gegeneinander geknallt sind.“ Auch weil die eine Seite Grenzen ausloten wollte, wie Franziska Schmid, Sozialarbeiterin im Konstanzer Team, erklärt. „Es geht um die Frage: Was habe ich denn hier noch für eine Macht? Im Gefängnis haben sie ja nicht mehr viel, und da können sie uns eben provozieren und austesten.“

„Die Jugendlichen sind alle noch in der Findung. Und es gibt sehr starke Hierarchien, in denen jeder seinen Platz finden muss.“

Theaterpädagogin Amelie Wördehoff

Jugendvollzug ist ohnehin extrem, sagt Theaterpädagogin Wördehoff. „Die Jugendlichen sind alle noch in der Findung. Und es gibt sehr starke Hierarchien, in denen jeder seinen Platz finden muss. Es gibt immer den Anführer, den Boss, der alles entscheidet, und die Gruppe fügt sich. Entweder ordnet man sich als Jugendlicher ein, oder man kämpft darum, selbst diese Rolle zu übernehmen.“ Im Gefängnis genauso wie auf der Bühne.

Die Hauptrolle des Karl war schnell besetzt, weil ein 20-Jähriger, der rund zwei Jahre wegen Körperverletzung einsitzt, die meiste Spielfreude zeigte. Die begehrteste Rolle unter den Häftlingen war aber eine ganz andere, nämlich die des Spiegelberg, der gerne selbst Räuberhauptmann wäre, der sich für einen tollen Typen hält und Karl die Stellung streitig macht. Bekommen hat den Part schließlich ein junger Mann, der im Gespräch mit der Schwäbischen Zeitung sagt: „Die Rolle passt einfach zu mir, der Kampf mit dem Hauptmann. Und ich habe dieses Charisma.“ In Adelsheim sitzt er eine lange Haftstrafe ab wegen Raubüberfällen.

Auf der Bühne verschwimmen Realität und Fiktion

So verschwimmen auf der Bühne Realität und Fiktion, die Heranwachsenden rappen, tanzen und spielen sich durch Schillers Sturm und Drang wie durch ihre eigenen Irrungen und Abstürze. Aus denen sie einen Ausweg suchen, der eine womöglich mehr als der andere.

„Theater regt ganz viel an“, sagt Amelie Wördehoff. „Man ist gefordert, gemeinsam etwas zu schaffen, lernt, Verantwortung zu übernehmen, als Teil der Gruppe.“ Und testet nicht nur die Grenzen anderer aus: „Ich muss mich trauen, auf der Bühne und vor Leuten zu sprechen. Ich muss mich anstrengen, mich konzentrieren, meine Aufmerksamkeit auf das Stück lenken – was bei den Jugendlichen oft problematisch ist, sie haben eine geringe Konzentrationsfähigkeit“, so die Pädagogin. „Und als Spieler bin ich mit ganz vielen Stimmungen beschäftigt, die ich aushalten muss.“ Und die ich auch erst einmal zulassen muss. „Viele haben einen dicken Panzer aufgebaut und versuchen, Härte und Stärke zu zeigen – und genau das versuchen wir ein wenig aufzubrechen, um an die anderen Emotionen heranzukommen.“ An Ängste und Schwächen, genauso wie an Sehnsüchte und Hoffnungen.

Stehende Ovationen in der voll besetzten Halle

Inwiefern das bei den Adelsheimer Häftlingen aufgeht, bleibt offen, denen allerdings ein wuchtiger und emotionaler Auftritt gelingt. Auch dank Felix Krakaus Bühnenfassung, der Schillers totalen Zusammenbruch der Gemeinschaft nicht übernommen hat. So sagt Karl: „Alle tot am Ende? Das ist doch Scheiße!“ Und die jungen Leute rappen zu wummernden Bässen von einem Neuanfang: „…nie wieder im Zorn, alles auf Schwarz, vieles riskiert, vieles verloren. Anderer Tag, dieselben Fehler, vieles erlebt, die Straße mein Lehrer. Herz ist leer, die Schuld immer schwerer. Guck nach vorn, nie wieder Täter. Nie wieder Verbrecher, mache es jetzt besser. Nie wieder Verbrecher, doch wer weiß, was morgen passiert, denn Geld ist so lecker.“ Tosender Applaus und stehende Ovationen in der voll besetzten Halle, die Darsteller strahlen glücklich und stolz, sie klatschen sich ab und umarmen sich.

Für Amelie Wördehoff ein versöhnliches Ende. „Die letzten Proben waren richtig gut. Als es darauf ankam, hat die Gruppe einen Zusammenhalt gefunden“, auch wenn bei ihr wegen der vielen Aufs und Abs gemischte Gefühle bleiben. Und obwohl am Ende nur sieben Protagonisten auf der Bühne standen, zieht auch JVA-Leiterin Katja Fritsche ein positives Fazit: „Jeder Einzelne ist es wert“, sagt sie. „Und sie können nun ihre Gedanken in die Zukunft richten.“

Räuberhauptmann „Karl“ tut dies bereits. „Ich hatte richtig Schiss vor dem Auftritt. Aber es hat unheimlich Spaß gemacht, in eine andere Haut zu schlüpfen.“ Und auch der so sehr von sich überzeugte „Spiegelberg“ gibt sich demütig. „Ich hole hier jetzt meinen Realschulabschluss nach. Und danach will ich eine Ausbildung machen, am liebsten draußen im offenen Strafvollzug, wegen guter Führung.“ Also ein Happy End auf ganzer Linie? Nun, die schwerste Rolle steht ihnen wohl noch bevor, in Freiheit und außerhalb der hohen Mauern.