Stomp im Prinzregententheater: Warum die Klangorgie nach 35 Jahren noch mitreißt
Stomp: Warum die Klangorgie nach 35 Jahren mitreißt

Stomp im Prinzregententheater: Warum die Klangorgie nach 35 Jahren noch mitreißt

Seit 35 Jahren erfindet sich die Perkussions-Show Stomp immer wieder neu und wird dabei tiefer und perfekter. Wer denkt, diese Stomper wären bloß Krawallmacher, irrt gewaltig. Niemand in Stomp tritt des Lärmmachens wegen auf. Jedes Mitglied ist Musiker, Tänzer, Komiker und als Darsteller ein Unikat – davon lebt das gesamte Aufführungskonzept.

Eine rauschhafte Reise ohne klassische Handlung

Der mit Zugaben 110-minütige, pausenlose Abend verzichtet auf eine konventionelle Story, doch durch Räuspern und Blicke werden nebenbei lauter kurze Geschichten erzählt, die dem Leben genau auf die Finger schauen. Sogar die Abendzeitung hat in einer still-lyrischen Szene ihren großen instrumentalen wie visuellen Auftritt, indem geblättert, geknittert, beklopft und zerrissen wird.

Stomperinnen und Stomper können mehr als stampfen: Sie tänzeln akrobatisch und zeigen eine beeindruckende Vielfalt. Was alle Performer verbindet, ist eine kindliche Neugier und der körperlich schweißtreibende Spaß daran, in die Welt der perkussiven Geräusche abzutauchen.

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Alltagsgegenstände werden zu Klangkosmen

Zwei Stomperinnen und sechs Stomper – physisch von durchaus unterschiedlichen Formaten – erschaffen sich ihre eigenen neuen Klangkosmen, Bild für Bild. Erstaunlich, wie viele Alltagsgegenstände, Einkaufswägen und sogar Müllbeutel sehenswert und akustisch einzigartig bespielt werden können.

  • Gegen Ende der orgiastischen Vorstellung kommen nur Feuerzeuge zum Einsatz – für eine Melodie, die dann auch fürs Auge sichtbar quer über die Bühne flackert.
  • Los geht das Ganze mit Besen. Bricht einer entzwei, fliegt Ersatz herbei, und ein Interpret legt mit unglaublicher Oberarmarbeit los, die sich anhört wie eine leichtfüßige Stepptanznummer.

Rhythmus und Perkussion im Überfluss

Dunkelheit sorgt für kurze Breaks innerhalb einer temporeich bestens durchchoreografierten Vorstellung, die von Rhythmus und Perkussionsvariationen nur so überschäumt. Dabei gibt es ständig was auf die Ohren – zur Abwechslung auch mal an Seilen fixiert weit über dem Boden pendelnd.

Die riesige Wellblech-Wand ist das einzige fixe Ausstattungselement und bis zur Decke vollgepackt mit Tonnen, Deckeln, Töpfen und Straßenschildern. Zarte Töne entführen das Publikum mitten hinein in einen avantgardistischen Glockenspielturm.

Spontaneität und Interaktion mit dem Publikum

Durch unerwartete Kombination aus Perkussion, Bewegung und szenischer Komik gewinnt jede Szene einen ganz eigenen Spannungsbogen. Alle Interpreten haben Musik in den Knochen, und durch ihre Adern pulsiert der Rhythmus. Was das für ein Gefühl und Vergnügen sein kann, wollen sie mit dem Publikum teilen: spontan, impulsiv und gleich einer sonoren Interaktion.

Die Klangtüftler in fleckigen Outfits demonstrieren herrlich, welch toller Sound in ungeliebten Haushaltstätigkeiten wie Abwasch, Putzen, Kehren oder Schrubben stecken kann. Man muss sich dazu nur wassergefüllte Küchenwaschbecken um den Hals hängen. Den Gag zum Schluss, wenn vier Jungs ihr Spülwasser in Blecheimer ablassen, gibt’s zum Ablachen obendrauf.

Eine weltweite Erfolgsgeschichte

Die von Steve McNicholas und Luke Cresswell gegründete Perkussion-Band hat sich seit ihren Anfängen in Großbritannien beachtlich weiterentwickelt, das Programm inhaltlich vertieft und das Bühnengeschehen perfektioniert. Stomp – was stampfen bedeutet – tourt weltweit in verschiedenen Besetzungen seit 35 Jahren.

Abgespielt wirkt weder der eingeflochtene Humor noch die getanzten Battles mit Blechgewittern. Im Finale können Dynamik und Lautstärkepegel locker mit dem Karnevalstreiben im Sambodrom von Rio de Janeiro aufnehmen. Das Publikum ist zu Recht aus dem Häuschen.

Nach einem letzten leisen Act sich rhythmisch und klangreich öffnender Bierdosen bleibt Prost das einzige gesprochene Wort an diesem Abend. Ohne irgendeine Form von Kulturhöhe zu behaupten, ist Stomp höchste Kunst! Noch bis 6. April im Prinzregententheater in München.

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