Phänomenale Kritik: Julia Riedler als Fräulein Else in den Kammerspielen
Julia Riedler als Fräulein Else: Phänomenale Kritik

Phänomenale Kritik: Julia Riedler als Fräulein Else in den Kammerspielen

Die Münchner Kammerspiele haben mit der Inszenierung von Arthur Schnitzlers Novelle "Fräulein Else" unter der Regie von Leonie Böhm einen absoluten Volltreffer gelandet. Die Schauspielerin Julia Riedler liefert in der Hauptrolle eine phänomenale Leistung ab, die das Publikum im Schauspielhaus zu minutenlangen Standing Ovations hinreißt.

Eine zeitlose Geschichte über Machtmissbrauch

Arthur Schnitzlers 1924 erschienene Novelle "Fräulein Else" erzählt den inneren Monolog einer jungen Frau, die sexualisierten Machtmissbrauch erlebt. In einer Zeit, in der Begriffe wie "toxische Männlichkeit" oder "#MeToo" noch nicht existierten, schuf Schnitzler damit ein erstaunlich modernes Werk über weibliche Befindlichkeiten und patriarchale Strukturen.

Die Handlung folgt Else, die während ihres Urlaubs einen Express-Brief ihrer Mutter erhält. Ihr Vater steht kurz vor der Verhaftung, wenn er nicht binnen drei Tagen 30.000 Gulden aufbringen kann. Diese Summe soll Else vom reichen Kunsthändler Dorsday erbitten, der sich zufällig im selben Hotel aufhält. Die junge Frau spürt intuitiv, dass diese Bitte sie in eine äußerst unangenehme Situation bringen wird.

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Julia Riedlers beeindruckende Solo-Performance

Regisseurin Leonie Böhm inszeniert den Text konsequent als Solo mit Julia Riedler, die für diese Rolle als Gast an die Kammerspiele zurückkehrt. Riedler ergänzt Schnitzlers Text mit zeitgenössischen Improvisationen und Begriffen wie "Unschuldsvermutung", wodurch die Geschichte wirkungsvoll in die Gegenwart geholt wird.

Die Schauspielerin performt alleine auf der Bühne - ein bewusstes Stilmittel, das symbolisiert, wie sexuell belästigte oder missbrauchte Frauen zunächst mit ihrer Erfahrung allein dastehen. Doch Riedler verbündet sich geschickt mit dem Publikum, macht die Zuschauer zu Komplizen und teilt ihr Innenleben in einem transformierten äußeren Monolog.

Die Konfrontation mit Dorsday

Die Bühne von Belle Santos zeigt einen opulenten Kristalllüster, der sich im Boden spiegelt und eine besondere Atmosphäre schafft. Riedler wechselt geschickt zwischen verschiedenen emotionalen Zuständen - zwischen Aktionismus und Resignation, Mut und Ratlosigkeit.

Die Konfrontation mit Dorsday entwickelt sich zur zentralen Szene: Der Kunsthändler verlangt als Gegenleistung für das Geld, Else 15 Minuten lang nackt betrachten zu dürfen. Riedlers Else durchspielt alle Emotionen, die auf diese Forderung folgen - sie imaginiert ihren eigenen Tod als Ausweg, versucht das Geld im Publikum zu sammeln und träumt sich auf eine ausgelassene Beachparty.

Ein modernes, utopisches Ende

Anders als in Schnitzlers Original wird Else sich am Ende nicht medikamentös wegbeamen. Böhm und Riedler gönnen Dorsday stattdessen einen "Laberflash", in dem er erkennt: "Mein Verhalten war ja meeeega toxisch." Er entwirft ein utopisches Bild von Männern, die über ihre eigene Gewaltbereitschaft nachdenken und sich eine "angstfreie, gleichberechtigte Begegnung auf Augenhöhe" wünschen.

Zum augenzwinkernd-utopischen Finale öffnet sich der Vorhang, und Riedler tanzt nackt und befreit durch den Raum, begleitet von der musikalischen Machtübergabe "Bevor du gehst, gib mir den Zauberstab" der Berliner Musikerin Fuffifufzich.

Anerkennung und weitere Vorstellungen

Die Produktion hat bereits zahlreiche Auszeichnungen erhalten, darunter Nestroy-Preise für "Beste Regie" und "Beste Schauspielerin" sowie die Ernennung Riedlers zur "Schauspielerin des Jahres 2025" im Fachmagazin "Theater heute". Eine Einladung zum Berliner Theatertreffen unterstreicht die Qualität dieser Inszenierung.

Weitere Vorstellungen sind am 12. und 25. April sowie an verschiedenen Terminen im Mai und Juli im Schauspielhaus der Münchner Kammerspiele geplant. Die Produktion beweist, dass klassische Literatur mit zeitgenössischer Interpretation und herausragender schauspielerischer Leistung zu einem unvergesslichen Theatererlebnis werden kann.

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