Tanzabend in Rostock: Abschied und Identität im Fokus der Choreografen
Im ausverkauften Ateliertheater des Rostocker Volkstheaters erlebte die Tanzcompagnie am 17. April eine bewegende Premiere. Der Doppelabend mit den Stücken 1000 Tage und Kurze Begegnungen/Stoffwechsel vereinte tiefe Emotionen mit überraschendem Humor und hinterfragte dabei grundlegende Themen wie Abschied und menschliche Identität.
Eine Odyssee des Abschieds: 1000 Tage
Hauschoreograf Keith Chin widmete sich im ersten Teil des Abends dem schmerzhaften Thema des Abschieds. Gleich vier Tänzer verlassen zum Ende der Spielzeit das Ensemble, und Chin verarbeitete diesen kollektiven Weggang in einer von Monsterfilmen der 1980er Jahre inspirierten Choreografie. Unter den wachsamen Augen einer Göttin des Lebens, gespielt von Anne Wolf und später Almog Adler, bewegten sich die Tänzer durch einen höhlenartig inszenierten Raum.
Trotz unberechenbarer Energien fanden sie zueinander in einer tiefen Gemeinschaft, bevor die unvermeidlichen Verabschiedungen folgten. Diese emotionale Reise berührte das Publikum durch ihre poetische Darstellung von Verbindung und Trennung.
Die Frage nach der Identität: Kurze Begegnungen
Nach der Pause wandte sich Choreograf Aron Nowak mit Kurze Begegnungen – Stoffwechsel einem anderen Thema zu: der menschlichen Identität zwischen gesellschaftlicher Etikette und innerer Echtheit. In mehreren disruptiven, erzählerisch gestalteten Tanzszenen sezierte Nowak, wie wir uns selbst inszenieren – insbesondere durch Kleidung.
Eine besonders pointierte Szene zeigte Tänzerin Shoko Seki, die nicht nur Kleidungsstücke, sondern metaphorisch auch Menschen faltete und an einer langen Wäscheleine aufhängte. Dieser Moment entwickelte sich zu einem der humorvollsten des Abends, wobei eine zitierte Bemerkung – Im Tanztheater redet man nicht, da ist man still – zusätzliche Ironie verlieh.
Entblätterung und Selbstbefragung
Nowaks Choreografie gipfelte in einer provokativen Frage: Wie viel von unserer Identität bleibt eigentlich übrig, wenn wir alle Kleidung und Manierlichkeiten ablegen? Tänzer Alan González Bravo wurde vom Ensemble wiederholt entkleidet und umgezogen, flankiert vom Audio-Stakkato einer Influencerin. Am Ende trug er irgendwie nichts mehr, was die Zuschauer zum Nachdenken über Authentizität und Selbstinszenierung anregte.
Der Doppelabend vereinte somit zwei thematische Pole: Während Chin den Abschied als kollektive Erfahrung inszenierte, fokussierte Nowak auf die individuelle Identitätssuche. Beide Teile bestachen durch eine zugängliche Dramaturgie, urkomische und skurrile Momente sowie eine erzählerische Brillanz, die das Rostocker Publikum tief berührte.
Wehmut und Applaus
Nach lang anhaltendem Applaus verließen die Zuschauer das Theater mit einem lachenden und einem wehmütigen Auge – eine typische Mischung für gelungenes Theater, das sowohl unterhält als auch zum Nachdenken anregt. Weitere Vorstellungen sind für den 2., 10., 24. und 30. Mai geplant, jeweils um 20 Uhr im Ateliertheater Rostock.
Dieser Tanzabend demonstrierte einmal mehr, wie das Medium Tanz komplexe menschliche Erfahrungen wie Verlust und Selbstfindung auf einzigartige Weise vermitteln kann. Die Rostocker Tanzcompagnie setzte damit ein starkes Zeichen für die Vitalität der regionalen Kulturszene.



