Francis Alÿs: Wie Kinder weltweit spielen und was wir daraus lernen können
Francis Alÿs: Wie Kinder weltweit spielen

Francis Alÿs: Ein Vierteljahrhundert auf der Suche nach dem universellen Spiel

Seit 25 Jahren bereist der belgische Künstler Francis Alÿs die Welt, um Kinder beim Spielen zu fotografieren und zu filmen. Von Afghanistan bis Mexiko dokumentiert er, wie sich Kinder die Zeit vertreiben – durch Springen, Klatschen, Rennen und unzählige andere Aktivitäten. Im exklusiven Interview mit DEIN SPIEGEL gibt er Einblicke in sein Langzeitprojekt und erklärt, warum das Spielen von Kindern so viel über unsere Gesellschaft verrät.

Das universelle Hüpfspiel: Himmel und Hölle in allen Kulturen

"Es gibt tatsächlich Spiele, die Kinder auf der ganzen Welt kennen", erklärt Alÿs. "Zum Beispiel 'Himmel und Hölle' – dieses Hüpfspiel mit aufgemalten Kästchen auf dem Boden findet man in fast jedem Land." Die konkrete Ausführung variiere zwar – mal als Spirale, mal als Quadrat – doch die grundlegende Idee bleibe überall gleich: das Hüpfen von der Erde in den Himmel und zurück. Diese universelle Spielform zeige, wie ähnlich Kinder trotz kultureller Unterschiede denken und handeln.

Gleich und doch verschieden: Wie der Ort das Spiel bestimmt

Während alle Kinder gerne spielen und erfinderisch sind, unterscheidet sich laut Alÿs die Art des Spielens stark vom Lebensumfeld. "Kinder verwandeln oft schwierige Situationen in etwas Leichtes", sagt der Künstler und erinnert an die Coronazeit, als aus dem klassischen "Fangen" eine Variante mit "Ansteckung" wurde. Doch je nach geografischer Lage entwickeln sich unterschiedliche Spieltraditionen: Schweizer Kinder bewerfen sich mit Schneebällen, während belgische Kinder Schnecken um die Wette kriechen lassen.

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Der besorgniserregende Wandel: Immer weniger Draußenspiel

Eine bedenkliche Entwicklung beobachtet Alÿs in den letzten Jahren: "Kinder spielen immer weniger draußen." In Städten fehle es an freiem Bewegungsraum, Straßen seien verkehrsreich, und viele Kinder verbrächten ihre Zeit lieber mit Handys oder Computern. Ein weiterer Grund sei die übertriebene Vorsicht vieler Eltern. "Erwachsene sollten ihren Kindern wieder mehr zutrauen", fordert Alÿs. Sein Projekt solle genau das demonstrieren: die Kompetenz und Anpassungsfähigkeit von Kindern in verschiedenen Umgebungen.

Von Mossul bis zur eigenen Kindheit: Persönliche Erfahrungen

Die Idee zu seinem Projekt entstand während Alÿs' Reisen als Künstler. Zunächst filmte er Kinder nur nebenbei, erkannte aber bald, dass ihr Spielverhalten viel über lokale Gewohnheiten und Alltagskulturen verrät. Besonders eindrücklich war ein Erlebnis 2017 im irakischen Mossul, kurz nach der Befreiung der Stadt vom IS. "Als plötzlich Schüsse fielen, wussten die Kinder sofort, wohin sie sich in Sicherheit bringen konnten", erinnert sich Alÿs. Diese intuitive Ortskenntnis beeindruckte ihn zutiefst.

In seiner eigenen Kindheit auf dem Land, weit entfernt von anderen Kindern, beschäftigte sich Alÿs oft allein – etwa mit einem Magneten auf der Suche nach Metall. Treffen mit Freunden wurden dagegen für intensive Fangspiele genutzt. Diese persönlichen Erfahrungen prägen bis heute seine sensible Herangehensweise an das Thema Kinderspiel.

Ein Appell für mehr Vertrauen in die junge Generation

Durch seine langjährige Arbeit möchte Francis Alÿs nicht nur dokumentieren, sondern auch zum Nachdenken anregen. "Wenn wir Kindern beim Spielen zuschauen, lernen wir viel über ihre Lebenswelten und ihre kreative Bewältigung von Herausforderungen", betont er. In einer Zeit, in der Freiräume für Kinder schwinden und digitale Medien dominieren, sei es umso wichtiger, das natürliche Spielbedürfnis zu fördern und Kindern mehr Autonomie zuzugestehen. Sein Projekt bleibt damit nicht nur künstlerische Dokumentation, sondern auch ein Plädoyer für Vertrauen in die junge Generation.

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