Ein Jahrhundertkünstler in Sachsen-Anhalt: Wolfram Schuberts unermüdliche Schaffenskraft
Im Herzen der Altmark, in der Kleinstadt Gardelegen, steht täglich ein besonderer Mann an der Staffelei: Wolfram Schubert, der in wenigen Monaten seinen 100. Geburtstag feiert. Trotz seines hohen Alters ist das Malen für ihn nach wie vor das Lebenselixier, das er einfach braucht. „Spätestens ab 10 Uhr bin ich im Atelier“, erklärt der Künstler mit fester Stimme.
Von der Uckermark nach Gardelegen: Ein Lebenskreis schließt sich
Vor sechs Jahren, im Alter von 94 Jahren, verließ Wolfram Schubert gemeinsam mit seiner damals 89-jährigen Frau Ingeborg die Uckermark, um nach Gardelegen zu ziehen. Viele fragten sich damals: Verpflanzt man so einen „alten Baum“ überhaupt noch? Für die Schuberts jedoch schloss sich in der Altmark ein Lebenskreis. Im nahen Dorf Grünenwulsch hatte Wolfram Ende der 1940er-Jahre seine spätere Frau kennengelernt, nachdem er aus der Kriegsgefangenschaft entlassen worden war. „Sie war die hübscheste junge Frau des Dorfes“, erinnert er sich schmunzelnd. Seit ihrer Hochzeit 1949 gehen sie gemeinsam durchs Leben – mittlerweile seit über 75 Jahren.
Das Atelier als zweites Zuhause
In Gardelegen hat Schubert zwei riesige Geschäftsräume im Erdgeschoss unweit des Marktplatzes angemietet. Die Räume zeugen von produktiver Unruhe: Überall stehen Bilder und Skizzen, Pinsel und Farbtuben, Fertiges und Angefangenes. Meterlange Schränke beherbergen Hunderte Aquarelle, Ölbilder und Grafiken – Landschaften der Uckermark, Polens, Italiens und Afrikas. „So war es schon in meiner Jugend“, erzählt Schubert. Nach seinem Studium an der Kunsthochschule Berlin hatte er ein Atelier im Prenzlauer Berg gemietet. „Ich habe mich morgens von meiner Frau mit einem Kuss verabschiedet und war bis abends im ‚Laden‘ malen. So ist es heute auch wieder.“
Gardelegen als neue künstlerische Heimat
Auf der Staffelei stehen derzeit zwei neue Bilder: enge Gassen mit alter Bebauung, der Schnee auf dem Pflaster sorgt für Sauberkeit und betont die satten Farben. Wolfram Schubert hat Gardelegen als Kulisse für sich entdeckt und hält die gut erhaltene Altstadt in kräftigen, freundlichen Ölfarben fest. Während ihm das flotte Gehen nicht mehr so leicht fällt, liegen ihm die Pinsel weiterhin ausgezeichnet in der Hand. Nur manchmal flucht er über sich selbst, wenn ihm Namen von Menschen nicht sofort einfallen, die vor 60 oder 70 Jahren seinen Weg kreuzten. „Verdammt, ich werde alt!“ Eine halbe Stunde später hat er den Namen dann aber doch parat.
Die Renaissance der DDR-Kunst
Ein besonderes Kapitel in Schuberts Schaffen sind seine fast vergessenen Wandbilder aus DDR-Zeiten. Sein Fresko „Kampf und Sieg der Arbeiterklasse“, das er 1969 für das Foyer der SED-Bezirksleitung in Neubrandenburg geschaffen hatte, war nach der Wende überklebt worden. Doch die Zeiten haben sich geändert: Ende Februar entschied die Neubrandenburger Stadtvertretung, dass das 2023 freigelegte Fresko dauerhaft sichtbar sein soll. Ein Antrag, das meterlange Doppelfresko temporär durch Rollos abzudecken, wurde mit knapper Mehrheit abgelehnt.
Interessanterweise waren es ausgerechnet private Unternehmer, die die Kunst im Dienste der SED früh zu schätzen wussten. Schuberts Werke wurden durch das Neubrandenburger Softwareunternehmen Data Experts bewahrt, zwei seiner Wandbilder restaurierten und sicherten die Besitzer der ehemaligen Post in Pasewalk sowie eines Landwirtschaftsbetriebs in Altwigshagen bei Ferdinandshof.
Zwei Brüder – eine künstlerische Verbindung
Zuletzt musste Wolfram Schubert einige schwere Schicksalsschläge hinnehmen. Sein zehn Jahre jüngerer Bruder, der Fotokünstler Hans-Joachim Schubert, starb Ende 2025 nach längerer Krankheit. Gemeinsam mit seiner Schwägerin Anita Schubert, Textil- und Papierkünstlerin, wollte Schubert eine Ausstellung mit Werken beider Brüder in Magdeburg vorbereiten. Doch dann starb Anfang dieses Jahres plötzlich auch Anita Schubert.
Trotz dieser Verluste ist die Exposition „Zwei Brüder“ seit Kurzem in der Magdeburger Galerie „Himmelreich“ zu sehen. „Was beide Künstler eint, ist das geschulte Auge und die sichere Hand“, heißt es im Ausstellungstext. Hans-Joachim Schubert hatte seinen älteren Bruder in den 60er- und 70er-Jahren mit eindrucksvollen Schwarz-Weiß-Porträts im Atelier festgehalten.
Ein Leben für die Kunst
Wolfram Schubert wurde am 30. September 1926 in Körbitz geboren. Nach Kriegsdienst und Gefangenschaft studierte er an der Kunsthochschule Berlin und begann 1959 seine freiberufliche Tätigkeit. 1960 zog er nach Neubrandenburg, wo er von 1965 bis 1988 den Bezirksverband der Bildenden Künstler leitete. 1970 erhielt er den Kunstpreis der DDR. Nach der Wende zog er zunächst nach Potzlow in der Uckermark, bevor er 2020 nach Gardelegen umsiedelte.
Zur Frage nach seiner Motivation in DDR-Zeiten sagt er heute: „Im Sinne des Kulturbunds, in dem ich auch Mitglied war, wollte ich nach dem verheerenden Weltkrieg zur demokratischen Erneuerung Deutschlands beitragen. Das war mein Credo, meine Überzeugung.“ Ob er etwas bewirken konnte? Schubert denkt kurz nach: „Ich denke ja: Das Interesse für Bildende Kunst war im Bezirk ein fester Bestandteil.“ Mit dem Haus der Kultur und Bildung und der Kunstsammlung wurden bleibende Einrichtungen geschaffen, in denen bis heute regelmäßig ausgestellt wird.
Zukunftsperspektiven
Die Kunstsammlung Neubrandenburg plant für Juni anlässlich seines 100. Geburtstages eine Exposition in der Reihe „Im Hier und im Jetzt“. Bis dahin wird Wolfram Schubert weiter täglich in seinem Atelier in Gardelegen stehen und malen – denn das ist und bleibt sein Lebenselixier. Wer ihm über die Schulter schauen möchte, ist jederzeit willkommen. Schubert nimmt sich gerne Zeit für einen Plausch, während er die Altmark in kräftigen Ölfarben festhält.



