Mit fast 100 Jahren noch täglich im Atelier: Malen als Lebenselixier für Wolfram Schubert
Fast 100-jähriger Maler: Schubert findet Lebenselixier im Atelier

Mit fast 100 Jahren noch täglich im Atelier: Malen als Lebenselixier für Wolfram Schubert

Gardelegen • In wenigen Monaten feiert Wolfram Schubert seinen 100. Geburtstag, doch das scheint den lebensfrohen Künstler nur wenig zu kümmern. Täglich steht er spätestens ab 10 Uhr in seinem Atelier in Gardelegen, Sachsen-Anhalt, und widmet sich seiner großen Leidenschaft: dem Malen.

Ein Stück Uckermark in Sachsen-Anhalt

Wolfram Schubert malt und malt und malt. Bei unserem ersten Treffen vor knapp zehn Jahren in Potzlow in der Uckermark rief mir der damals fast 90-Jährige bei der Abfahrt zu: „Bis zum nächsten Mal, spätestens, wenn ich 100 werde.“ Dieses Versprechen hat er gehalten. Heute sitzt er in seinem Lieblingssessel im Atelier, hinter ihm der Blick aus dem Fenster mit Erinnerungen an Potzlow.

„Malen ist mein Lebenselixier. Das brauche ich einfach“, sagt Schubert mit fester Stimme. Während ihm das flotte Gehen nicht mehr so leicht fällt, liegen ihm die Pinsel weiterhin ausgezeichnet in der Hand. Nur manchmal flucht er über sich selbst, wenn ihm Namen von Menschen, die vor 60 oder 70 Jahren seinen Weg kreuzten, nicht sofort einfallen wollen. „Verdammt, ich werde alt!“ Doch eine halbe Stunde später hat er den Namen meistens parat.

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Warum ausgerechnet Gardelegen?

Im Jahr 2020 packten die Schuberts die Koffer und zogen von der Uckermark in die Kleinstadt Gardelegen. Er zählte damals 94 Jahre, seine Frau Ingeborg 89. Viele dachten: So einen „alten Baum“ verpflanzt man doch nicht mehr. Doch für die Familie schließt sich in Gardelegen ein Lebenskreis.

Im nahen Dorf Grünenwulsch hatte Wolfram Schubert Ende der 1940er-Jahre seine Frau Ingeborg kennengelernt, nachdem er aus der Kriegsgefangenschaft entlassen worden war. „Sie war die hübscheste junge Frau des Dorfes. Natürlich wollte ich sie unbedingt haben!“ 1949 heirateten beide, und seit mehr als 75 Jahren gehen sie gemeinsam ihren Weg. In Gardelegen wohnen zwei ihrer drei Kinder.

Atelieralltag wie in jungen Jahren

„Und da ist noch etwas, das mich an meine Jugend erinnert“, sagt Schubert schmunzelnd. Als er Ende der 1950er-Jahre sein Studium an der Kunsthochschule Berlin beendet hatte, riet sein Dozent den Absolventen, sich ein Ladengeschäft in Ostberlin zu suchen, um dort zu malen und zu verkaufen. Schubert fand ein Atelier im Prenzlauer Berg. „Ich habe mich morgens von meiner Frau mit einem Kuss verabschiedet und war bis abends im ‚Laden‘ malen. So ist es heute auch wieder.“

Unweit des Marktplatzes von Gardelegen hat er zwei riesige Geschäftsräume im Erdgeschoss angemietet, die von produktiver Unruhe zeugen:

  • Bilder und Skizzen in verschiedenen Stadien der Vollendung
  • Pinsel und Farbtuben in großer Zahl
  • Fertiges und Angefangenes nebeneinander
  • Briefe und Zeitungsausschnitte als Inspiration
  • Plastiken und Drucktechnik als weitere künstlerische Ausdrucksformen

An der Wand stehen meterlange Schränke, in denen Hunderte Aquarelle, Ölbilder und Grafiken lagern – Landschaften, Orte und Menschen der Uckermark, Polens, Italiens, Afrikas und nun auch Gardelegens.

Gardelegen als Kulisse für das späte Werk

Auf der Staffelei stehen zwei neue Bilder: enge Gassen mit alter Bebauung. Der Schnee auf dem Pflaster sorgt für Sauberkeit und betont die satten Farben. Wolfram Schubert hat Gardelegen als Kulisse für sich entdeckt, er hält die gut erhaltene Altstadt in kräftigen, freundlichen Ölfarben fest.

Wer ihm über die Schulter schauen will, kann das gerne tun. Schubert nimmt sich auch Zeit für einen Plausch, obwohl er in letzter Zeit einige Schicksalsschläge hinnehmen musste. Sein zehn Jahre jüngerer Bruder, der Fotokünstler Hans-Joachim Schubert aus Neddemin bei Neubrandenburg, starb Ende 2025 nach längerer Krankheit. Zusammen mit seiner Schwägerin Anita Schubert, Textil- und Papierkünstlerin, wollte Schubert eine Ausstellung mit Werken beider Brüder in Magdeburg vorbereiten. Doch dann starb Anfang dieses Jahres plötzlich auch Anita Schubert.

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Die Ausstellung „Zwei Brüder“

Trotz dieser Verluste ist die Exposition „Zwei Brüder“ seit Kurzem in der Magdeburger Galerie „Himmelreich“ zu sehen. „Was beide Künstler eint, ist das geschulte Auge und die sichere Hand und zunehmend mit dem Alter auch die Themen. Keine Hast, nichts ist dem Zufall überlassen, was wiedergegeben wird, ob nun die Natur, die Architektur oder das Leben und in seinem Mittelpunkt der Mensch; alles ist sorgfältig komponiert und verdichtet, entbehrt jedoch nicht der Lust am Experiment“, heißt es im Begleittext zur Ausstellung.

Ingeborg und Wolfram Schubert waren 1960 nach Neubrandenburg gezogen. Wenige Jahre später überzeugte der ältere den jüngeren Bruder, in den Norden zu ziehen. „Der Agrarbezirk brauchte schließlich auch Künstler. Ich habe meinen Bruder vielleicht auch auf den künstlerischen Weg gebracht, ihn ermutigt, mit seinen Fotos zu experimentieren“, sagt Wolfram Schubert.

Das Wandbild und seine Geschichte

Das Geschehen in der alten Heimat verfolgt Wolfram Schubert sporadisch. Er hat mitbekommen, dass die Neubrandenburger Stadtvertreter erneut über sein Wandbild im Rathaus diskutiert haben. Ende Februar entschied die Stadtvertretung, dass das 2023 freigelegte Fresko „Kampf und Sieg der Arbeiterklasse“ dauerhaft sichtbar sein soll.

Gerade der Umgang der Neubrandenburger Stadtväter mit diesem Bild zeigt exemplarisch, dass im Umgang mit DDR-Kunst nach der Bilderstürmerei Anfang der 90er-Jahre mehr Gelassenheit eingezogen ist. Als aus der SED-Bezirksleitung 1990 das Rathaus wurde, war das Bild, das unter anderem Lenin und Marx abbildet, für die Verwaltungsspitze obsolet.

Ausgerechnet Schuberts Bruder Hans-Joachim, damals Kulturamtsleiter, wurde angewiesen, das Fresko „verschwinden zu lassen“. In weiser Voraussicht verwandte er seinerzeit einen schonenden Leim, um das Bild mit Tapete zu überkleben – eine Entscheidung, die Jahrzehnte später die Restaurierung ermöglichte.

Private Unternehmer als Retter der Kunst

Interessanterweise waren es ausgerechnet private Unternehmer, die die Kunst im Dienste der SED zu schätzen wussten und bewahrten. So wurden Schubert-Werke durch das Neubrandenburger Softwareunternehmen Data Experts gesichert. Zwei seiner Wandbilder restaurierten und sicherten die Besitzer der ehemaligen Post in Pasewalk sowie des Landwirtschaftsbetriebs in Altwigshagen bei Ferdinandshof.

Diese Art von DDR-Kunst „tut doch keinem weh“, meinte in der aufkommenden Diskussion seinerzeit der Neustrelitzer Galerist Raimund Hoffmann. Auf Initiative des damaligen Oberbürgermeisters Silvio Witt beschloss die Stadtvertretung schließlich, das Schubert-Fresko im Rathaus wieder freizulegen.

Zu seinen Überzeugungen stehen

Wolfram Schubert könnte angesichts dieser postsozialistischen Renaissance triumphieren. Doch er genießt den Sieg im Stillen, vielleicht, weil er auch nach 1990 immer zu seinen Überzeugungen und den daraus in der DDR entstandenen Auftragswerken stand.

„Was soll denn falsch sein an der Idee von Marx, den vierten Stand, also das Proletariat, gesellschaftsfähig zu machen?“, sagte er vor zehn Jahren mit Blick auf sein Wandbild. Heute meint er zu dem Thema: „Im Sinne des Kulturbunds, in dem ich auch Mitglied war, wollte ich nach dem verheerenden Weltkrieg zur demokratischen Erneuerung Deutschlands beitragen. Das war mein Credo, meine Überzeugung.“

Konnte er etwas bewirken? Schubert denkt kurz nach: „Ich denke ja: Das Interesse für Bildende Kunst war im Bezirk ein fester Bestandteil.“ Und mit dem Haus der Kultur und Bildung (HKB) und der Kunstsammlung wurden bleibende Einrichtungen geschaffen, in denen bis heute regelmäßig ausgestellt wird.

Ausblick auf den 100. Geburtstag

Die Ausstellung „Zwei Brüder – Ein Fotograf und ein Maler – Hans-Joachim Schubert, Wolfram Schubert“ ist bis 24. April in der Magdeburger Galerie „Himmelreich“ zu sehen. Die Kunstsammlung Neubrandenburg plant für den Juni anlässlich seines 100. Geburtstages eine weitere Exposition in der Reihe „Im Hier und im Jetzt“.

Wolfram Schubert selbst bleibt derweil seinem Lebenselixier treu. Jeden Tag steht er an der Staffelei, hält die Welt um sich herum in kräftigen Farben fest und beweist, dass die Leidenschaft für die Kunst kein Alter kennt. In Gardelegen hat er nicht nur eine neue Heimat gefunden, sondern auch eine unerschöpfliche Quelle der Inspiration für sein spätes, aber keineswegs letztes Werk.