Fast 100-jähriger Maler Wolfram Schubert: „Malen ist mein Lebenselixier“
Fast 100-jähriger Maler: Malen als Lebenselixier

Fast 100-jähriger Maler Wolfram Schubert: „Malen ist mein Lebenselixier“

In wenigen Monaten feiert Wolfram Schubert seinen 100. Geburtstag, doch das scheint den leidenschaftlichen Maler nur wenig zu kümmern. Täglich steht er spätestens ab 10 Uhr in seinem Atelier in Gardelegen, Sachsen-Anhalt, an der Staffelei und widmet sich seiner großen Leidenschaft. „Malen ist mein Lebenselixier. Das brauche ich einfach“, erklärt der Künstler mit fester Stimme.

Ein Leben für die Kunst

Wolfram Schubert blickt auf ein bewegtes Künstlerleben zurück. Geboren 1926 in Körbitz, studierte er an der Kunsthochschule Berlin und begann 1959 seine freiberufliche Tätigkeit. 1960 zog er mit seiner Frau Ingeborg nach Neubrandenburg, wo er bis 1988 den Bezirksverband der Bildenden Künstler leitete und 1970 den Kunstpreis der DDR erhielt. Trotz seines hohen Alters von fast 100 Jahren lässt ihn die kreative Energie nicht los.

„Während mir das flotte Gehen nicht mehr so leicht fällt, liegen mir die Pinsel weiter gut in der Hand“, gesteht Schubert. Nur manchmal flucht er über sich selbst, wenn ihm Namen von Menschen nicht sofort einfallen, die vor 60 oder 70 Jahren seinen Weg kreuzten. „Verdammt, ich werde alt!“ Eine halbe Stunde später hat er den Namen dann aber doch parat.

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Neue Heimat Gardelegen

2020, im Alter von 94 Jahren, zog Schubert mit seiner damals 89-jährigen Frau Ingeborg von Potzlow in der Uckermark nach Gardelegen in der Altmark. Viele dachten damals: So einen „alten Baum“ verpflanzt man doch nicht mehr. Doch für die Schuberts schließt sich in Gardelegen ein Lebenskreis: Im nahen Dorf Grünenwulsch hatte Wolfram Ende der 1940er-Jahre seine Frau kennengelernt, nachdem er aus der Kriegsgefangenschaft entlassen worden war.

„Sie war die hübscheste junge Frau des Dorfes. Natürlich wollte ich sie unbedingt haben!“ 1949 heirateten beide, und seit mehr als 75 Jahren gehen sie gemeinsam ihren Weg. In Gardelegen wohnen zwei ihrer drei Kinder.

Atelier als Lebensmittelpunkt

Unweit des Marktplatzes von Gardelegen hat Schubert zwei riesige Geschäftsräume im Erdgeschoss angemietet, die von produktiver Unruhe zeugen. Bilder und Skizzen, Pinsel und Farbtuben, Fertiges und Angefangenes, Briefe und Zeitungsausschnitte, Plastiken und Drucktechnik füllen den Raum. An der Wand stehen meterlange Schränke, in denen Hunderte Aquarelle, Ölbilder und Grafiken lagern.

„Und da ist noch etwas, das mich an meine Jugend erinnert“, sagt Schubert schmunzelnd. Nach seinem Studium riet ihm sein Dozent, sich ein Ladengeschäft in Ostberlin zu suchen. Schubert fand ein Atelier im Prenzlauer Berg. „Ich habe mich morgens von meiner Frau mit einem Kuss verabschiedet und war bis abends im ‚Laden‛ malen. So ist es heute auch wieder.“

Gardelegen als neue Inspiration

Auf der Staffelei stehen derzeit zwei neue Bilder: enge Gassen mit alter Bebauung. Der Schnee auf dem Pflaster sorgt für Sauberkeit und betont die satten Farben. Wolfram Schubert hat Gardelegen als Kulisse für sich entdeckt und hält die gut erhaltene Altstadt in kräftigen, freundlichen Ölfarben fest.

Wer ihm über die Schulter schauen will, kann das gerne tun. Schubert nimmt sich auch Zeit für einen Plausch. Die Kleinstadt mit knapp 22.000 Einwohnern ist zur Bühne für sein spätes Werk geworden.

DDR-Kunst erlebt Renaissance

Ein besonderes Kapitel in Schuberts Schaffen sind seine Wandbilder aus DDR-Zeiten. Sein Fresko „Kampf und Sieg der Arbeiterklasse“, das er 1969 für das Foyer der SED-Bezirksleitung in Neubrandenburg geschaffen hatte, wurde nach der Wende überklebt. Doch im Februar 2026 entschied die Neubrandenburger Stadtvertretung, dass das 2023 freigelegte Werk dauerhaft sichtbar sein soll.

„Was soll denn falsch sein an der Idee von Marx, den vierten Stand, also das Proletariat, gesellschaftsfähig zu machen?“, fragt Schubert zu seinem Wandbild. Heute meint er: „Im Sinne des Kulturbunds, in dem ich auch Mitglied war, wollte ich nach dem verheerenden Weltkrieg zur demokratischen Erneuerung Deutschlands beitragen. Das war mein Credo, meine Überzeugung.“

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Zwei Brüder, eine Ausstellung

Zuletzt musste Schubert schwere Schicksalsschläge hinnehmen. Sein zehn Jahre jüngerer Bruder, der Fotokünstler Hans-Joachim Schubert, starb Ende 2025 nach längerer Krankheit. Zusammen mit seiner Schwägerin Anita Schubert, Textil- und Papierkünstlerin, wollte er eine Ausstellung vorbereiten. Doch dann starb Anfang 2026 plötzlich auch Anita Schubert.

Trotzdem ist die Exposition „Zwei Brüder“ seit Kurzem in der Magdeburger Galerie „Himmelreich“ zu sehen. „Was beide Künstler eint, ist das geschulte Auge und die sichere Hand“, heißt es im Ausstellungstext. Die Kunstsammlung Neubrandenburg plant für Juni anlässlich seines 100. Geburtstages eine weitere Exposition in der Reihe „Im Hier und im Jetzt“.

Private Unternehmer als Retter

Interessant ist, dass ausgerechnet private Unternehmer die Kunst im Dienste der SED zu schätzen wussten. Schubert-Werke wurden durch das Neubrandenburger Softwareunternehmen Data Experts bewahrt. Zwei seiner Wandbilder restaurierten und sicherten die Besitzer der ehemaligen Post in Pasewalk sowie des Landwirtschaftsbetriebs in Altwigshagen bei Ferdinandshof.

Diese Art von DDR-Kunst „tut doch keinem weh“, meinte in der aufkommenden Diskussion der Neustrelitzer Galerist Raimund Hoffmann. Auf Initiative des damaligen Oberbürgermeisters Silvio Witt beschloss die Stadtvertretung, das Schubert-Fresko im Rathaus wieder freizulegen.

Ein Jahrhundertleben im Zeichen der Kunst

Wolfram Schubert könnte angesichts dieser postsozialistischen Renaissance triumphieren. Doch er genießt den Sieg im Stillen, vielleicht, weil er auch nach 1990 immer zu seinen Überzeugungen und den daraus in der DDR entstandenen Auftragswerken stand.

Konnte er etwas bewirken? Schubert denkt kurz nach: „Ich denke ja: Das Interesse für Bildende Kunst war im Bezirk ein fester Bestandteil.“ Und mit dem Haus der Kultur und Bildung und der Kunstsammlung wurden bleibende Einrichtungen geschaffen, in denen bis heute regelmäßig ausgestellt wird.

Während die Ausstellung „Zwei Brüder“ noch bis 24. April in Magdeburg zu sehen ist, malt der fast 100-jährige Künstler weiter täglich in seinem Atelier in Gardelegen. Für ihn ist klar: Die Kunst bleibt sein Lebenselixier, das ihn jung hält und antreibt – selbst kurz vor dem Jahrhundertgeburtstag.