Die geheime Sprache der Briefmarken: Wie Verliebte früher geheime Botschaften verschickten
Geheime Sprache der Briefmarken: Verliebte Botschaften

Die geheime Sprache der Briefmarken: Historische Kommunikationsform erlebt Revival

In der heutigen digitalen Welt erlebt eine fast vergessene Kommunikationsform in Sammlerkreisen ein überraschendes Revival: die sogenannte Briefmarkensprache. Diese historische Praxis ermöglichte es Verliebten und anderen, geheime Botschaften zu übermitteln, ohne dass Dritte den Inhalt verstehen konnten.

Wie Verliebte früher geheime Nachrichten verschickten

Die Briefmarkensprache funktionierte über spezielle Klebetechniken der Postwertzeichen. Eine um 90 Grad nach links gedrehte Briefmarke neben einer normal geklebten Marke bedeutete beispielsweise die Frage: "Wann sehen wir uns wieder?". Eine auf den Kopf geklebte Briefmarke drückte die besorgte Frage "Bist Du mir auch treu?" aus, während zwei um 90 Grad in entgegengesetzte Richtungen gedrehte Marken die romantische Botschaft "Ich bin dein, du bist mein" übermittelten.

Diese geheime Kommunikationsform entwickelte sich parallel zur Etablierung der Briefmarke in Europa ab etwa 1870. Malte Völk von der Universität Zürich erklärt in seinem Aufsatz zur Briefmarkensprache, dass diese Praxis "oft ein aus der Not geborenes Hilfsmittel" darstellte. Besonders für junge Menschen und Angehörige bestimmter Berufsstände wie Hausangestellte, die wenig Privatsphäre genossen, bot die Briefmarkensprache eine diskrete Möglichkeit der Kommunikation.

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Internationale Verbreitung und Hilfsmittel

Die geheime Sprache der Briefmarken war nicht auf Deutschland beschränkt, sondern fand in zahlreichen europäischen Ländern Verbreitung:

  • Österreich und die Schweiz
  • Rumänien und die Niederlande
  • Schweden, Belgien und Frankreich

Zur Entschlüsselung der geheimen Botschaften dienten spezielle Postkarten mit bildhaften Erklärungen und Bestimmungsbücher. Durch die Kombination mehrerer Marken oder die Einbeziehung von Buchstaben und Zahlen aus dem Adressfeld wurde eine erstaunliche Vielfalt von Botschaften möglich.

Höhepunkt und Niedergang einer geheimen Sprache

Experten zufolge erlebte die Briefmarkensprache ihren Höhepunkt um die Jahrhundertwende vom 19. zum 20. Jahrhundert. Ab der Mitte des 20. Jahrhunderts begann jedoch ihr allmählicher Niedergang, als das Telefon als neues Massenmedium eine immer stärkere Konkurrenz darstellte. Bis in die 1960er-Jahre blieb die Briefmarkensprache dennoch geläufig.

Interessanterweise gibt es keine nachweisbaren Belege dafür, dass die geheime Sprache der Briefmarken tatsächlich im Spionageverkehr Anwendung fand, obwohl dies immer wieder behauptet wird.

Das Revival in Sammlerkreisen

Während die Briefmarkensprache im Alltag kaum noch bekannt ist, erlebt sie in philatelistischen Kreisen ein bemerkenswertes Revival. Sammler befassen sich intensiv mit den verschiedenen Variationen und Bedeutungen von Briefmarkenanordnungen. Besonders begehrt sind Belege aus der Weimarer Zeit und davor, die sowohl philatelistischen als auch historischen Wert besitzen.

Jasmin Derflinger, Pressesprecherin der DHL Group, betont jedoch, dass die Briefmarkensprache "nie eine offizielle Kommunikationsform der Deutschen Post, sondern ein von Nutzerinnen und Nutzern entwickeltes, inoffizielles Phänomen" gewesen sei. Aus heutiger Sicht spiele sie für die Deutsche Post keine operative oder kommunikative Rolle mehr.

Die Deutsche Post und das kulturelle Phänomen

Einmalig griff die Deutsche Post das kulturelle Phänomen 1996 auf und gab unter dem Titel "5 romantische Maxi-Postkarten zur Briefmarken-Sprache" eine Serie von fünf Sonderganzsachen heraus, die auch die geheime Sprache erklärten. Weitere Ausgaben zu diesem Thema wurden seitdem nicht mehr neu aufgelegt.

Das Bundesministerium der Finanzen bezeichnet Briefmarken als "die kleinsten Botschafter Deutschlands", die der Erinnerung an historische Ereignisse dienen und gesellschaftliche Interessen widerspiegeln. Auch im digitalen Zeitalter behalten Briefmarken ihren Platz und erfreuen sich weiterhin großer Beliebtheit.

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Briefverkehr im digitalen Zeitalter

Die Digitalisierung hat den Briefverkehr deutlich verändert. Laut einer Umfrage des Digitalverbands Bitkom aus dem Jahr 2022 schreiben nur noch etwa acht Prozent der Deutschen regelmäßig handschriftliche Briefe. Zu besonderen Anlässen wie Geburts- oder Feiertagen werden jedoch nach wie vor gerne Karten oder Briefe verschickt.

Die Bundesnetzagentur berichtete 2024 von 10,92 Milliarden beförderten Briefsendungen. Der Postkonzern DHL verzeichnete für 2023 einen Rückgang der Sendungsmenge um 5,6 Prozent auf rund 12,6 Milliarden Briefe. Grund für die sinkende Nachfrage ist die zunehmende Digitalisierung der Kommunikation.

Dennoch bleibt die Faszination für die historische Briefmarkensprache ungebrochen. Sie stellt ein einzigartiges kulturelles Phänomen dar, das philatelistische Leidenschaft mit historischer Kommunikationsforschung verbindet und in Sammlerkreisen weiterhin lebendig gehalten wird.