Beethovens Pastorale: Eine Sinfonie zwischen unerfüllter Liebe und ländlicher Idylle
Ludwig van Beethoven (1770-1827) befand sich in einem emotionalen Ausnahmezustand, als er seine 6. Sinfonie komponierte. Wieder einmal hatte sich der Meister der Klassik unglücklich verliebt, diesmal in die 19-jährige ungarische Komtesse Josephine Brunsvik. Diese Beziehung sollte, wie so viele andere zuvor, keine Erfüllung finden, doch sie hinterließ tiefe Spuren in Beethovens musikalischem Schaffen.
Die unglückliche Liebe zu Josephine Brunsvik
Im Mai 1799 besuchte die ungarische Gräfin Anna Brunsvik von Korompa mit ihren Töchtern Therese und Josephine den damals 29-jährigen Beethoven in Wien. Aus einer vereinbarten Klavierstunde wurden schnell vier bis fünf tägliche Treffen, doch die standesgemäße Vermählung Josephines mit dem 28 Jahre älteren Grafen Joseph von Deym durchkreuzte alle Hoffnungen des Komponisten. „Ich liebe Sie unaussprechlich – wie ein frommer Geist den andern“, schrieb Josephine später in einem Briefentwurf an Beethoven, doch eine Heirat hätte für sie den Verlust des Sorgerechts für ihre Kinder bedeutet.
Der Klassik-Experte Stefan Siegert betont in seinem Werk „Beethoven. 100 Seiten“: „Aber über alle Widrigkeiten und Jahre hinweg bleiben da zwei Seelen dabei, sich zu suchen.“ Selbst nach dem Tod ihres Ehemanns 1804 fand das Paar nicht zueinander, doch diese emotionale Achterbahnfahrt zwischen glühender Hoffnung und tiefer Enttäuschung beflügelte Beethovens Kreativität auf besondere Weise.
Die Pastorale: Ein sanfterer Beethoven
Beethovens 6. Sinfonie, die er selbst „Pastoral-Sinfonie oder Erinnerungen an das Landleben“ nannte, entstand zeitgleich mit der dramatischen 5. Sinfonie in den Jahren 1807/08. Die Uraufführung beider Werke fand am 22. Dezember 1808 in Wien statt und präsentierte dem Publikum zwei völlig unterschiedliche Seiten des Komponisten.
Während die „Schicksalssinfonie“ mit ihren berühmten Anfangstakten Kampf und Dramatik verkörpert, zeigt die Pastorale einen betörend leichten, poetischen Beethoven. Die fünf Sätze tragen programmatische Überschriften:
- Erwachen heiterer Empfindungen bei der Ankunft auf dem Lande
- Szene am Bach
- Lustiges Zusammensein der Landleute
- Gewitter, Sturm
- Hirtengesang. Frohe, dankbare Gefühle nach dem Sturm
Beethoven ging sogar so weit, die Rufe von Kuckuck, Wachtel und Nachtigall in der Partitur zu kennzeichnen. Die Biografin Christine Eichel schreibt in „Der empfindsame Titan“: „Poetischer kann man kaum komponieren.“
Moderne Interpretation und künstlerische Rezeption
Andreas Schulz, Dirigent der Neuen Philharmonie MV, hat sich intensiv mit der Pastorale beschäftigt, die den Auftakt der kommenden „Stadt.Land.Klassik!“-Konzerte bildet. „Es ist beeindruckend, wie einen die 6. Sinfonie auf Reisen nimmt“, sagt er. „Die Sinfonie ist sehr vielseitig und kontrastreich. Und beim Donner im 4. Satz geht es dann ja doch richtig zur Sache.“
Die zeitgenössische Rezeption des Werks war gespalten. Während der französische Komponist Claude Debussy (1862-1918) nach einer Aufführung kritisierte: „Man hat den Eindruck einer wie mit dem Pinsel lackierten Landschaft“, geriet Hector Berlioz (1803-1869) ins Schwärmen: „Welch ein Gedicht von Beethoven! ... diese langen farbenreichen Perioden! ... diese sprechenden Bilder!“
Künstlerische Inspiration und aktuelle Aufführungen
Die Pastorale inspirierte nicht nur Musiker, sondern auch bildende Künstler. Der Maler Josef Maria Auchentaller gestaltete um 1900 ein ganzes Musikzimmer in der Wiener Villa Scheid mit fünf großen Wandbildern, die sich an den fünf Sätzen der Sinfonie orientierten. Dieser Raum kann heute im Leopold-Museum in Wien besichtigt werden.
Die Neue Philharmonie MV bringt Beethovens Pastorale zusammen mit Lutz Schumachers 1. Bratschenkonzert und Rossinis Ouvertüre zu „Wilhelm Tell“ Ende April in den Nordosten Deutschlands:
- 27. April: Parchim, Solitär
- 28. April: Waren, Bürgersaal
- 29. April: Pasewalk, Historisches U
- 30. April: Demmin, St. Bartholomaei Kirche
Alle Konzerte beginnen um 19 Uhr. Karten sind zum Preis von 28 Euro erhältlich und können telefonisch unter 0395 35116134 bestellt oder online erworben werden. Newsletter-Abonnenten erhalten 10 Prozent Rabatt auf die Konzertkarten.
Die 6. Sinfonie bleibt ein faszinierendes Zeugnis von Beethovens emotionaler Entwicklung und künstlerischer Vielseitigkeit – ein Werk, das gleichermaßen von unerfüllter Liebe und der Sehnsucht nach ländlicher Idylle erzählt.



