Psychotherapeuten protestieren gegen Honorarkürzungen: Wartezeiten drohen zu explodieren
Honorarkürzungen bei Psychotherapeuten: Wartezeiten drohen zu explodieren

Psychotherapeuten protestieren gegen Honorarkürzungen: Wartezeiten drohen zu explodieren

Wer dringend einen Therapieplatz benötigt, muss in Deutschland bereits jetzt oft monatelang warten. Seit dem 1. April 2026 verschärft sich die Situation weiter: Die Vergütung psychotherapeutischer Leistungen wurde um 4,5 Prozent abgesenkt. Bundesweit demonstrieren Therapeuten und Betroffene gegen diese Entscheidung, die aus ihrer Sicht die Versorgung psychisch kranker Menschen gefährdet.

„Wartelisten wären unendlich lang“

„Ich führe keine Warteliste mehr“, sagt Anke Pielsticker, psychologische Psychotherapeutin aus München. „Wenn ich eine führen würde, wäre sie unendlich lang.“ Ihre Praxis erhält wöchentlich etwa 20 Anrufe von Hilfesuchenden, doch nur zehn Prozent kann sie annehmen. Der Bedarf an psychotherapeutischer Hilfe sei durch Krisen wie die Corona-Pandemie stark gestiegen, während gleichzeitig die Vergütung gekürzt werde – „ein fatales Signal“.

Die Entscheidung zur Honorarabsenkung traf der Erweiterte Bewertungsausschuss, bestehend aus Vertretern des Spitzenverbandes der gesetzlichen Krankenkassen (GKV), der kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) und unabhängigen Mitgliedern. Die KBV warnte bereits, dass diese Kürzung zulasten psychisch kranker Menschen gehe.

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Wirtschaftliche Realität: Therapeuten verdienen deutlich weniger

Rudi Bittner, Landesvorsitzender der Deutschen Psychotherapeuten Vereinigung (DPtV) und Psychotherapeut in Landshut, geht noch weiter: „Die Wartezeiten können auch länger werden.“ Bei steigendem Bedarf an Psychotherapie werde genau diese Arbeit nun schlechter vergütet. Laut Statistischem Bundesamt lag der durchschnittliche Reinertrag von Hausarztpraxen 2023 bei 271.000 Euro, während Praxen psychologischer Psychotherapeuten gerade einmal 86.000 Euro erreichten.

„Diese Differenz ist nicht durch höhere Honorare zu erklären“, betont Anke Pielsticker. „Praxen psychologischer Psychotherapeuten erreichen bei gleichem Arbeitseinsatz und Abzug der Praxiskosten gerade einmal die Hälfte des Ertrages, den fachärztliche Arztgruppen erzielen.“

Krankenkassen argumentieren mit Strukturzuschlägen

Der GKV-Spitzenverband führt die Ertragsdifferenz unter anderem auf einen hohen Teilzeitanteil von etwa 72 Prozent in psychotherapeutischen Praxen zurück. Zudem argumentiert der Verband, dass die Honoraranpassung durch steigende Strukturzuschläge gemildert werde: Während die Honorare um 4,5 Prozent sinken, steigen die Strukturzuschläge um 14,25 Prozent, was netto nur etwa -2,3 Prozent ausmache.

Doch hier gibt es ein zentrales Problem: „Den Strukturzuschlag erreichen die wenigsten“, erklärt Rudi Bittner. Nur etwa zwei bis fünf Prozent der Praxen mit vollem Kassensitz erhalten ihn in voller Höhe. „Da vergleicht man Äpfel mit Birnen“, ergänzt Anke Pielsticker. „Der Strukturzuschlag dient einzig dazu, Personalkosten zu decken und muss eins zu eins weitergegeben werden.“

Langfristige Konsequenzen für die Versorgung

Neben unmittelbar längeren Wartezeiten für Patienten befürchten Therapeuten langfristige Folgen: „Wenn gleichzeitig die Kosten steigen, habe ich eigentlich sogar mehr als 4,5 Prozent Verlust“, sagt Rudi Bittner. Eine solche Honorarabsenkung habe es noch nie gegeben und sei demotivierend für den Berufsstand.

Der Nachwuchs werde weniger, und wenn Praxen nicht gestärkt würden, komme es zu Konzentrationsprozessen. Versorgungszentren mit mehreren angestellten Therapeuten gewännen dann an Macht. „Dann steht aber mehr der Gewinn im Vordergrund und nicht der Patient“, warnt Bittner.

Privatpatienten als Ausweg?

Eine durchschnittliche Praxis verliere durch die Kürzungen etwa 5500 Euro pro Jahr, rechnet Anke Pielsticker vor. „Es gibt nur eine Stellschraube, das sind die Privatpatienten.“ Deren Honorar pro Stunde liege deutlich über dem von Kassenpatienten. Mehr Privatpatienten aufzunehmen könnte die Kürzungen ausgleichen, doch Pielsticker lehnt dies ab: „Das ist unethisch und wir sind verpflichtet, gesetzlich Versicherte zu behandeln.“

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Klagen und Forderungen nach Wertschätzung

Um zu verhindern, dass die Plätze für Kassenpatienten noch knapper werden, hat die KBV Klage gegen die Kürzungen eingereicht. Auch Rudi Bittner fordert mit dem Landesverband der DPtV eine Rücknahme des Beschlusses. Es brauche verlässliche Bedingungen und mehr Wertschätzung für die Arbeit der Psychotherapeuten, gerade jetzt, wo der Bedarf kontinuierlich steige.

Laut KBV Bayern bewältigen ambulant tätige Ärzte und Psychotherapeuten 97 Prozent aller Patientenanliegen – mit nur 16 Prozent der Gesamtausgaben im Gesundheitswesen. „Die Kassen müssten mal vor ihrer eigenen Haustüre kehren“, fordert Bittner. Statt in fehleranfällige Technik wie die Telematikinfrastruktur zu investieren, sollte das Geld in die Behandlung der Patienten fließen.

Für Anke Pielsticker und ihre Kollegen bleibt die Situation prekär: „Wir Psychotherapeuten arbeiten im persönlichen Kontakt und sind besonderen emotionalen Belastungen ausgesetzt.“ Zeit zur Regeneration sei essenziell, eine vollständige Auslastung oder Delegation der Leistungen nicht möglich. Die aktuelle Debatte vergesse oft, dass es hier um Menschen gehe, die anderen Menschen helfen – unter immer schwierigeren wirtschaftlichen Bedingungen.