Empathie-Training an der Universität Mannheim: Wie man Mitgefühl systematisch erlernen kann
Empathie-Training: Mitgefühl lässt sich systematisch erlernen

Empathie als erlernbare Fähigkeit: Wissenschaftliches Training an der Universität Mannheim

Kann man Mitgefühl tatsächlich wie eine Sportart oder ein Musikinstrument trainieren? Diese Frage stellen sich viele Menschen, die in ihrem Alltag mit emotionalen Herausforderungen konfrontiert sind. An der Universität Mannheim bieten Forscher nun ein strukturiertes Programm mit dem Titel „Wege zu mehr Mitgefühl“ an, das genau diese Möglichkeit untersucht und praktisch umsetzt.

Struktureller Aufbau des zehnwöchigen Programms

Das Training erstreckt sich über zehn Wochen und findet wöchentlich in Online-Gruppen mit etwa einem Dutzend Teilnehmern statt. Britta K. aus Berlin, eine 49-jährige Teilnehmerin in einer Patchwork-Familienkonstellation, berichtet von ihren Motivationen: „Ein Anlass war für mich schon auch unsere Familiensituation, wo es dann auch immer wieder mal zu Konflikten kommt.“ Ihr Ziel ist die Verbesserung der Familienkommunikation, die leichtere Übernahme anderer Perspektiven und die Steigerung des eigenen Wohlbefindens.

Die Psychotherapeutin Corina Aguilar-Raab von der Universität Mannheim erklärt den wissenschaftlichen Ansatz: „Wenn man all diese Bedingungen entwickelt oder kultiviert, führen die am Ende zu mehr Mitgefühl für andere.“ Grundlegend sei zunächst die Entwicklung eines sicheren Gefühls bei den Teilnehmern, da dies die Basis für jede neue Gewohnheitsbildung darstelle.

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Praktische Übungen und Methoden des Trainings

Das Programm umfasst verschiedene praktische Elemente:

  • Tägliche Meditationen zur Stärkung der inneren Sicherheit
  • Führen eines speziellen Tagebuchs zur Selbstreflexion
  • Regelmäßiger Austausch mit festen Ansprechpartnern innerhalb der Gruppe
  • Strategien zur schnellen Wiederherstellung des seelischen Gleichgewichts in Stresssituationen

Eine zentrale Übung in den ersten Sitzungen ist die Visualisierung eines „nährenden Moments“ – einer Erinnerung an einen Ort besonderer Sicherheit. Daniel L. aus Stuttgart, 40 Jahre alt und ebenfalls Teilnehmer, beschreibt seinen persönlichen nährenden Moment: „Es ist kein bestimmtes Bild, sondern einfach das Gefühl während dieser Zeit.“ Für ihn sind es Erinnerungen an Fahrradurlaube mit seiner Familie an Seen, die ihm in Konfliktsituationen helfen, durchzuatmen und zur Ruhe zu kommen.

Wissenschaftliche Grundlagen und nachgewiesene Effekte

Eine Meta-Analyse der Universität Mannheim, basierend auf 37 Einzelstudien, zeigt signifikante positive Effekte von Mitgefühlstraining. Menschen, die anderen mit Empathie begegnen, berichten laut der Studie von:

  1. Höherer allgemeiner Lebenszufriedenheit
  2. Mehr erlebter Freude im Alltag
  3. Stärkerem Sinnempfinden im Leben
  4. Insgesamt höherem psychischen Wohlbefinden

Judith Mangelsdorf, Direktorin der Deutschen Gesellschaft für Positive Psychologie, bestätigt die Belastbarkeit dieser Ergebnisse, weist jedoch auf die offene Kausalitätsfrage hin: „Bisher ist nicht klar, ob Mitgefühl zu einem höheren Wohlbefinden führt – oder umgekehrt.“

Herausforderungen der unbewussten Kategorisierung

Ein weiterer Schwerpunkt des Trainings liegt auf der Untersuchung menschlicher Beziehungsmuster. Aguilar-Raab erklärt: „Wir sind mit Menschen zusammen, die finden wir sympathisch. Und dann gibt's Leute, die finden wir nicht sympathisch. Und dann gibt's eine ganz große Masse, die ist uns eigentlich ziemlich egal.“ Das Training zielt darauf ab, eine Art Unvoreingenommenheit zu entwickeln und Verbundenheit „auf gemeinsamer menschlicher Basis“ zu fördern – selbst mit Menschen, die nicht zum engeren Kreis gehören.

Langfristiger Charakter des Empathie-Trainings

Trotz der strukturierten zehnwöchigen Dauer betont Aguilar-Raab den langfristigen Charakter solcher Entwicklungen: „So was ist eigentlich ein lebenslanges Training.“ Entscheidend sei der individuelle Einsatz der Teilnehmer in den Übungen.

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Expertin Mangelsdorf von der Deutschen Hochschule für Gesundheit und Sport in Berlin bewertet Mitgefühlstrainings grundsätzlich positiv: „Mitgefühl an und für sich ist eine Fähigkeit, und alles, was eine Fähigkeit ist, ist auch in sich trainierbar.“ Erfolge seien in verschiedenen Studien nachgewiesen worden. Besonders in Zeiten sozialer Medien, in denen viele Menschen eher zum Wegschauen als zur Identifikation mit dem Leid anderer neigen, sei regelmäßige Beschäftigung mit dem Thema Empathie wichtig, um nicht emotional abzustumpfen.

Das Mannheimer Programm zeigt damit nicht nur, dass Mitgefühl trainierbar ist, sondern auch, dass systematisches Training sowohl zwischenmenschliche Beziehungen verbessern als auch das eigene Wohlbefinden steigern kann.