Demenz in der Uckermark: Ein Netzwerk für mehr Menschlichkeit im Alltag
Ein älterer Herr läuft an einem kalten Februartag in Socken und Schlafanzug durch die Straßen einer Stadt in der Uckermark. Die meisten Passanten nehmen keine Notiz von ihm. Erst zwei aufmerksame Viertklässler erkennen, dass mit dem "Opi" etwas nicht stimmen muss, und alarmieren über eine Verkäuferin Hilfe. Diese bewegende Szene schilderte Ellen Fährmann vom Pflegefacharbeitskreis Uckermark während der Pflegekonferenz 2026 unter dem Titel "Demenzsensible Kommune" in Prenzlau.
Die Zahlen sprechen eine deutliche Sprache
Der Patient ist bei weitem kein Einzelfall. Sonja Köpf vom Kompetenzzentrum Demenz im Land Brandenburg legt eindrucksvolle Zahlen vor: In der Uckermark leben aktuell 2.909 Menschen mit diagnostizierter Demenz. Das entspricht 2,43 Prozent der Gesamtbevölkerung des Landkreises. Die tatsächliche Zahl dürfte jedoch noch höher liegen, da viele Betroffene aus Scham oder Unwissenheit keine ärztliche Diagnose einholen.
"Sie sind unter uns: in Sportvereinen, Chören, im Supermarkt", betont Köpf. Besonders alarmierend ist der demografische Trend: Während in der Altersgruppe der 65- bis 70-Jährigen bereits 2,43 Prozent erkrankt sind, steigt der Anteil bei den 80- bis 85-Jährigen auf über zehn Prozent.
Freiheit und Würde im Mittelpunkt
Ellen Fährmann plädiert für einen grundlegend anderen Umgang mit der Erkrankung: "Menschen mit Demenz leben irgendwann in ihrer eigenen Welt. Aber auch sie benötigen ihre Freiheit. Begeben wir uns auf ihre Ebene, lassen wir sie machen." Dieser Ansatz stellt nicht nur Angehörige, sondern auch Pflegekräfte, Ärzte und Kliniken vor große Herausforderungen – insbesondere wenn sie auf sedierende Medikamente oder freiheitsbeschränkende Maßnahmen verzichten wollen.
Dr. Jürgen Hein, Mitbegründer und Vorsitzender des Demenz-Netzwerk-Uckermark e.V., unterstreicht die Bedeutung der Menschenwürde: "Es geht darum, Betroffenen nicht alles abzunehmen, sondern ihnen das Gefühl zu geben, noch etwas beisteuern zu können. Auch diese Menschen wollen Teil einer sich gegenseitig haltenden Gesellschaft sein."
Konkrete Hilfsansätze für den Alltag
Während der dritten Fachkonferenz dieser Art in Prenzlau tauschten sich Angehörige, Pflegekräfte, Kommunalvertreter und Beratungsstellen in Workshops aus. Ein zentrales Thema: die Entlastung pflegender Angehöriger.
Sabine Ertel, die ihre an Demenz erkrankte Mutter bis zu deren Tod gepflegt hat, rät zu frühzeitigen familiären Absprachen: "Man sollte rechtzeitig miteinander reden, wie man im Fall der Fälle betreut werden möchte." Ab einem bestimmten Krankheitsstadium sei professionelle Unterstützung unverzichtbar.
Sozialdezernent Henryk Wichmann kündigte an, die Helferausbildung für Nachbarschaftshilfe zügig voranzutreiben. In der Konferenz wurde betont, dass manchmal "ein ganzes Dorf" benötigt werde, um Demenzkranke und ihre Familien angemessen zu unterstützen.
Teilhabe statt Isolation
Dr. Hein schildert ermutigende Beispiele aus der Praxis: Eine Großmutter mit Demenz liest in der Kita vor, Tanz-, Sport- und Spielangebote werden speziell angepasst, Pflegedienste organisierte Einkäufe mit vorbereiteten Listen – wobei die örtlichen Händler eingeweiht sind.
"Wenn Demenzkranke einen zufriedenen Alltag erleben, sind auch Krisensituationen besser aushaltbar", so der Facharzt für Psychiatrie. Monika Hans und Christel Polster aus dem Boitzenburger Land, die selbst Angehörige pflegen und Nachbarn helfen, wünschen sich allerdings mehr geschlechtsspezifische Angebote: "Männer gehen nur ungern zu Kaffeerunden, in denen nur Frauen sitzen."
Regionale Unterschiede in der Uckermark
Die Demenzprävalenz variiert innerhalb des Landkreises erheblich:
- Prenzlau: 411 Betroffene (2,17% der Bevölkerung)
- Templin: 443 Betroffene (2,84%)
- Boitzenburger Land: 103 Betroffene (3,5%)
- Schwedt: 988 Betroffene (2,85%)
- Angermünde: 445 Betroffene (3,13%)
- Nordwestuckermark: 73 Betroffene (1,78%)
Landesweit leben in Brandenburg nach den SAHRA-Pflegekennzahlen vom März 2026 insgesamt 62.234 Menschen mit demenzieller Diagnose, davon etwa 61 Prozent Frauen. Das Netzwerk in der Uckermark zeigt jedoch, dass durch gemeinschaftliche Ansätze, frühe Kommunikation und respektvolle Begleitung der Alltag mit Demenz menschlicher gestaltet werden kann.



