Ein seltenes Jubiläum zeigt die Geschichte eines besonderen Ortes der Pflege. Auf dem Michaelshof in Rostock leben vier Bewohner seit mehr als 75 Jahren. Am 4. Mai 2026 wurde dieses außergewöhnliche Jubiläum gefeiert.
Ein Leben in der Pflege
Hans-Harald Ehlers, Ilse Lichter, Karl-Heinz Hameister und Wolf-Dieter Böhm sind die Jubilare eines ganz besonderen Tages. Sie alle blicken auf ein Dreivierteljahrhundert in der Rostocker Pflegeeinrichtung zurück. Der Theologische Vorstand der Evangelischen Stiftung Michaelshof, Ekkehard Maase, betonte, dass die Worte „nicht bedauern, sondern lieb haben“ hier kein leerer Spruch, sondern gelebte Realität seien.
Die Kapelle auf dem Gelände des Michaelshofs in Gehlsdorf war gut gefüllt. Vier Tische waren für die Jubilare und ihre Gäste aufgebaut – Familienmitglieder, Betreuer von früher und heute sowie Freunde. Es sollte ein Fest des Erinnerns sein, denn die Biografien der Geehrten reichen bis in die unmittelbare Kriegs- und Nachkriegszeit zurück.
Historische Entwicklung des Michaelshofs
Bilder auf den Tischen zeigten die Einrichtung und ihre Bewohner zu verschiedenen Zeiten. Alles begann vor ihrer Zeit: 1845 wurde auf dem Gelände das „Rettungshaus für verwahrloste Knaben“ gegründet. In der Weimarer Republik wurde aus der „Bewahranstalt“ ein „Erziehungsheim“, das 1931 den Namen Michaelshof erhielt. Nach dem Krieg erlebten die Jubilare die ersten Jahre der DDR mit. Damals erhielt die evangelische Stiftung aus politischen Gründen keine Waisenkinder mehr zugewiesen. Seit den frühen 1950er Jahren kümmert sich der Hof um geistig behinderte Menschen, um nicht mit staatlichen Einrichtungen zu konkurrieren.
Hans-Harald Ehlers: Ein Überlebender
Vor genau 75 Jahren, am 4. Mai 1951, kam Hans-Harald Ehlers im Michaelshof an. Ehlers hat noch nie in seinem Leben gestanden und ist seit Geburt auf Rundum-Pflege angewiesen. Geistig ist der 82-Jährige relativ fit: Von seinem Liegestuhl aus verfolgte er aufmerksam das Geschehen. Er lachte, als er seine frühere Betreuerin Gudrun Cremer wiedersah. Als ein kurzes Video gezeigt wurde, das den Michaelshof in seinen Anfängen zeigte, kommentierte er freudig, was er sah.
Gudrun Cremer war seit den frühen 1970er Jahren als Krankenschwester beim Michaelshof angestellt. Die Rentnerin erlebte, wie sehr sich das Pflegesystem seither verändert hat. Mit Hans-Harald Ehlers war sie oft im Urlaub: „Wir haben damals natürlich viel improvisiert. Aber es war alles möglich.“
Dass Ehlers lebt, ist ein Geschenk. Der 1944 geborene Mecklenburger hätte wie viele andere Kinder mit Behinderung jener Zeit dem NS-Regime zum Opfer fallen können. Mit dem Ende der Weimarer Republik und der Machtergreifung der Nationalsozialisten waren rassenhygienisch-eugenische Maßnahmen verstärkt in den Fokus der „Fürsorge“ gerückt. Dank seiner Familie überlebte Ehlers und kam 1951 dauerhaft nach Rostock-Gehlsdorf.
Ilse Lichter: Die gute Seele der Küche
Ilse Lichter, von ihren Betreuerinnen liebevoll „die gute Seele der Küche“ genannt, kam am 8. Dezember 1950 gemeinsam mit ihrem Bruder als eine der Ersten nach Rostock. Zuvor war sie in der Heil- und Pflegeanstalt Sachsenberg-Lewenberg bei Schwerin untergebracht. Diese Anstalt zählt zu den zentralen Tatorten nationalsozialistischer Medizinverbrechen in Mecklenburg-Vorpommern. Zwischen 1939 und 1945 wurden Patienten aus ganz Mecklenburg nach Schwerin gebracht, ermordet oder in die Tötungsanstalt Bernburg transportiert. Auch nach dem offiziellen Ende der „Aktion T4“ wurden die Tötungen hier fortgesetzt; mindestens 1.900 Menschen fielen der NS-Euthanasie zum Opfer.
Ilse Richter ist geistig etwa auf dem Stand einer Sechsjährigen. Sie strahlt und freut sich sichtlich über die Aufmerksamkeit, die ihr und den anderen Jubilaren zuteilwird – und ihrer Puppe Annegret, die sie immer wieder stolz zeigt. „Sie liebt ihre Puppen“, erzählt Betreuerin Tanja Sushkow. Jahrelang, berichtet sie, habe Ilse kleine Aufgaben in der Hauswirtschaft übernommen, half in der Küche oder kümmerte sich um die jüngeren Kinder. Vom Acht-Bett-Zimmer im Wichernhaus bis zum heutigen Zwei-Bett-Zimmer im Krabbenhaus habe Ilse den Wandel des Hauses miterlebt, erzählt Brigitte Eickhold, ihre frühere Betreuerin, die insgesamt 45 Jahre auf dem Michaelshof gearbeitet hat. Für sie seien die Bewohner fast wie Familie.
Integration und Wandel
Heino Werner, Sohn eines früheren Mitarbeiters, erinnert sich: „Ich bin mit den Jungs groß geworden.“ Sein Vater Günther habe eine „Gruppe“ übernommen, „damals mit etwa 16 Jugendlichen im Alter von zwölf bis dreizehn Jahren“. Darunter auch die heutigen Jubilare. Früher sei deutlich mehr Betrieb auf dem Gelände gewesen. „Da haben ja alle Mitarbeiter hier gewohnt“, erzählt er. „Da wurde abends Federball gespielt, zusammen gesungen – das ganz normale Leben eben.“ Berührungsängste habe er nie gekannt. „Das war echte Integration.“
Nach der Wende sei das anders geworden. „Plötzlich ging es nur noch ums Geld“, meint der Rentner und berichtet von dem „schmerzhaften“ Moment, als alle Mitarbeiter fortziehen mussten. „Alles wurde getrennt, nach Schweregraden oder Leistungsfähigkeit.“ Es sei aber „professioneller“ geworden. Die Sichtbarkeit behinderter Menschen in der Gesellschaft sei insgesamt besser geworden. Früher sei man eher unter sich gewesen.
Das Haus ihres Lebens
Mehr als 600 Mitarbeiter sind für die evangelische Stiftung Michaelshof tätig, erklärt Vorstandschef Maase. Mehr als 2.000 Menschen werden allein hier betreut, gepflegt oder begleitet – von der Kita über die Schule bis zur Werkstatt und in der Altersbetreuung. „Ich bin im Haus meiner Kindheit“, sagt Heino Werner schließlich, doch für die Bewohner und Jubilare ist es das Haus ihres Lebens. Seit 75 Jahren leben sie in der Pflege.



