Patientin im Rollstuhl strandet nach Dialyse-Behandlung
Gabriele Seliger, eine 68-jährige Rostockerin, musste am Gründonnerstag eine erschütternde Erfahrung machen. Nach ihrer lebensnotwendigen Dialyse-Behandlung im Südstadtcenter von Rostock saß sie im Rollstuhl fest – ihre Krankenkasse Viactiv hatte die Kostenübernahme für den Krankentransportwagen (KTW) abgelehnet. Die Rentnerin, deren rechter Fuß vor zwei Jahren amputiert wurde und die dreimal wöchentlich zur Dialyse muss, sagte: „Ich habe einfach Angst.“
Taxi-Aktionstage verschärfen die Situation
Hintergrund ist der ungelöste Vergütungsstreit zwischen dem Taxi- und Mietwagengewerbe und den Krankenkassen in Mecklenburg-Vorpommern. Am 1. und 2. April beteiligten sich zahlreiche Unternehmen an Aktionstagen und führten keine Krankenfahrten durch. Besonders für Patienten, die im Liegen transportiert werden müssen oder auf Rollstühle angewiesen sind, wurde diese Situation zur mentalen Belastungsprobe.
Gabriele Seliger war am Morgen des 2. April zunächst mit einem Krankentransportwagen abgeholt worden, da keine Alternativen verfügbar waren. Während ihrer Dialyse-Behandlung traf dann die Ablehnung der Krankenkasse ein, die die Kostenübernahme verweigerte. Die Folge: Die Seniorin wusste nicht, wie sie nach Hause kommen sollte.
Fahrdienstleister zeigt menschliches Engagement
Geholfen hat der Rentnerin schließlich Frank Otto, Inhaber des auf Krankentransferleistungen spezialisierten Rostocker Unternehmens, das Seliger seit fünf Jahren dreimal wöchentlich zur Dialyse fährt. „Wir konnten die Patientin einfach nicht allein lassen“, erklärte Otto. Sein Unternehmen holt die 68-Jährige aus der Wohnung ab, bringt sie bis zum Dialyse-Bett und holt sie wieder ab – ein Service, der speziell geschultes Personal erfordert.
Otto macht deutlich: „Das ist eben nicht nur eine Fahrt von A nach B.“ Aktuell zahlt die Krankenkasse 65,50 Euro pro Fahrt, wirtschaftlich notwendig wären jedoch 93 Euro. „Wenn sich die Krankenkassen hier nicht bewegen, geht es für die Fahrdienste, die Liegend- und Tragestuhlfahrten anbieten, in die Insolvenz.“
Ärztliche Kritik an Krankenkassen
Heinrich Prophet (CDU), Bürgerschaftspräsident und Leiter des Dialysezentrums im Südstadtcenter, äußerte scharfe Kritik an den Krankenkassen. Er und ein Großteil seiner Belegschaft hatten auf Urlaub verzichtet, um die Versorgung aufrechtzuerhalten. „Die Kassen signalisieren ja immer, dass sie gesprächsbereit sind und Fahrdienste zur Verfügung stellen werden“, so Prophet. In der Praxis habe dies jedoch nicht funktioniert.
Prophet berichtet von „Hilfeschreien seiner Schwestern“, weil die Kassen Kostenübernahmen für Krankentransportwagen ablehnten – nicht nur im Fall von Gabriele Seliger. „Da haben mehrere meiner Patienten heute offiziell vonseiten der Krankenkassen die Ablehnung für den Transport zu einer lebensnotwendigen Therapie erhalten“, stellt der Arzt klar.
Fahrdienste fahren teilweise auf eigene Kosten
Ganz anders hätten sich laut Prophet die Fahrdienste verhalten: „Die haben mir vielfach zugesichert, dass sie im Notfall die Patienten ‚im Stillen‘ erstmal auf eigene Kosten fahren.“ Nur so sei es gelungen, dass alle Patienten versorgt werden konnten. „Denn die Kliniken haben ja gar nicht genug Platz.“
Prophet betont, dass eine Dialyse für Patienten wie einen 3000-Meter-Lauf bedeute. Die Patienten hätten Blutdruck-Abfälle und müssten die Behandlung erst verdauen. Dass Angehörige die Patienten fahren, könne keinesfalls Standard in der Versorgung sein.
Forderung nach differenzierter Vergütung
Aus Rostock kommt die Forderung nach einer getrennten Betrachtung von gewöhnlichen Taxifahrten und spezialisierten Transporten. Gunnar Weiß vom Landesverband erklärt: „Wenn ich zwei Leute an Bord habe und spezielle Ausrüstung, dann muss natürlich auch die Vergütung höher sein.“
Etwa 80 Prozent aller Krankenfahrten seien mit einem normalen Taxi möglich, die übrigen 20 Prozent erforderten für Tragestuhl- und Liegetransporte jedoch Spezialfahrzeuge und speziell geschultes Personal. „Die Kassen behandeln diese Fälle allerdings, als ob sie mit einem normalen Taxi auskommen würden“, kritisiert Weiß.
Kleine Erleichterung für die Patientin
Für Gabriele Seliger gab es am Nachmittag des Gründonnerstags immerhin eine kleine Erleichterung: Nach zahlreichen Telefonaten mit Ärzten und Schwestern des Dialysezentrums übermittelte ihre Krankenkasse eine Abtretungserklärung. Damit kann die Fahrt vom Fahrdienst bei der Kasse abgerechnet werden.
Frank Otto bleibt jedoch skeptisch: „Ob die Kasse aber am Ende wirklich das vergütet, was wir aufrufen, bleibt abzuwarten.“ Eine etwaige Differenz sowie die Kosten für den Rettungswagen, der Seliger am Morgen fuhr, muss die 68-Jährige selbst tragen.
Ruf nach politischem Eingreifen
Trotz der Scherereien und möglichen Kosten steht Gabriele Seliger hinter den Forderungen der Fahrer: „Du musst die Leute doch anständig bezahlen.“ Alle befragten Beteiligten sind sich einig, dass die aktuelle Situation „ein absoluter Skandal“ sei.
Gunnar Weiß sieht nun die nächsthöhere Instanz in der Pflicht: das Sozialministerium. „Ich erwarte von der Sozialministerin Stefanie Drese (SPD), als Leiterin der Aufsichtsbehörde, eine Ansage, was zu tun ist.“ Die Versorgung der Patienten sei in Gefahr, und damit sei ein Einschreiten der Politik begründet.
Der Fall von Gabriele Seliger zeigt exemplarisch, wie Patienten im Streit zwischen Fahrdiensten und Krankenkassen unter die Räder geraten können – eine Situation, die nach Ansicht aller Beteiligten dringend einer Lösung bedarf.



