Landzahnarztquote in Sachsen-Anhalt: 21-jährige Paula Demmer studiert mit Verpflichtung fürs Land
Landzahnarztquote: 21-Jährige studiert mit Verpflichtung fürs Land

Landzahnarztquote in Sachsen-Anhalt: Neue Hoffnung gegen den Zahnärztemangel

In Sachsen-Anhalt verschärft sich die Versorgungskrise in der Zahnmedizin zusehends. Laut aktuellen Zahlen der Kassenzahnärztlichen Vereinigung (KZV) praktizieren nur noch etwa 1.400 Zahnärzte im Bundesland – mehr als ein Drittel von ihnen ist 60 Jahre oder älter. In den vergangenen fünf Jahren hat das Land über 250 Zahnarztpraxen verloren, wie KZV-Vorstandschef Jochen Schmidt bestätigt. Besonders betroffen sind ländliche Regionen wie der Altmarkkreis Salzwedel, die Kreise Börde und Jerichower Land.

Eine Quote als Rettungsanker

Als Antwort auf diesen Notstand führte Sachsen-Anhalt 2025 die sogenannte Landzahnarztquote ein. Dieses Programm reserviert jährlich zehn Prozent der Studienplätze in Zahnmedizin für Bewerber, die sich verpflichten, nach ihrem Abschluss mindestens zehn Jahre in unterversorgten Gebieten zu arbeiten. Im Gegenzug können sie auch ohne Spitzen-Abitur den begehrten Studienplatz erhalten.

Eine der ersten Nutznießerinnen dieser Regelung ist die 21-jährige Paula Demmer. Die gebürtige Siegenerin, die aus Nordrhein-Westfalen nach Halle gezogen ist, begann im Oktober ihr Zahnmedizinstudium. „Ich habe nicht damit gerechnet, dass ich diesen Studienplatz bekomme. Es ist ein Traum, dass sich für mich diese Tür geöffnet hat“, sagt die junge Frau.

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Ein langgehegter Berufswunsch

Demmers Weg zur Zahnmedizin war nicht einfach. Schon in der fünften Klasse wusste sie, dass sie Zahnärztin werden wollte – angeregt durch eigene Erfahrungen mit Zahnspangen und -schienen. Doch ihr Abiturschnitt von 1,8 reichte für den bundesweit extrem hohen Numerus Clausus (zwischen 1,0 und 1,3) nicht aus.

„Ich habe extrem viel gelernt. Aber ich bin zu verkopft reingegangen“, reflektiert Demmer ihre Schulzeit. Nach dem Abitur absolvierte sie zunächst eine Ausbildung zur Zahnmedizinischen Fachangestellten. „Ich wusste, dass das nicht mein Beruf sein wird. Ich wollte auf der anderen Seite sitzen und Patienten behandeln“, erklärt sie ihre Motivation.

Die Herausforderungen der ländlichen Versorgung

Der Zahnärztemangel ist kein rein sachsen-anhaltinisches Problem, sondern betrifft ganz Deutschland. Besonders auf dem Land fehlen Nachfolger für alternde Praxisinhaber. Viele Absolventen bevorzugen Anstellungen in städtischen Einrichtungen oder reduzieren ihre Arbeitszeit. Die Folgen für Patienten sind lange Wartezeiten und weite Fahrwege zu Behandlungen.

In Sachsen-Anhalt kommt erschwerend hinzu, dass nur wenige Studierende nach ihrem Abschluss im Bundesland bleiben. Die Landzahnarztquote soll diesem Trend entgegenwirken. „Viele haben ein Abitur, das für den Numerus Clausus nicht reicht, die aber gute Zahnärzte werden könnten. Sie brauchen diese Chance“, ist Demmer überzeugt.

Zehnjährige Verpflichtung als Perspektive

Für die 21-Jährige ist die zehnjährige Verpflichtung zur Arbeit in unterversorgten Gebieten kein Hindernis, sondern eine bewusste Entscheidung. „Ich will auf dem Land arbeiten, weil der Patientenkontakt enger ist. Man weiß mehr und begleitet die Menschen länger“, begründet sie ihre Wahl. „Der Arzt habe auch eine soziale Funktion. Das passt zu mir“.

Dennoch ist sich Demmer der Herausforderungen bewusst: Zahnärzte stehen unter wachsendem Druck durch Fachkräftemangel, Budgetgrenzen und bürokratische Hürden. Auch persönlich bedeutet die Verpflichtung, dass sie nicht in der Nähe ihrer Eltern arbeiten wird, wenn diese in Rente gehen.

Politische Maßnahmen und ihre Grenzen

Die KZV hat neben der Landzahnarztquote weitere Programme aufgelegt, darunter Unterstützung für Praxisgründungen und Stipendien für Studienplätze in Ungarn. Doch KZV-Chef Schmidt mahnt Geduld an: „Die Wirkung wird sich erst langfristig zeigen, dann, wenn die heute Geförderten ihr Studium abgeschlossen haben und in den Beruf einsteigen“.

Politisch wird die Problematik inzwischen ernster genommen. Das Wissenschaftsministerium plant eine Erhöhung der Zahnmedizinstudienplätze „um eine mittlere einstellige Anzahl“. Voraussetzung ist jedoch die Zustimmung des Landtags zu höheren Finanzmitteln im Doppelhaushalt 2027/28 sowie der Ausbau der universitären Infrastruktur.

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Neue Heimat Halle

Für Paula Demmer ist Halle inzwischen zur zweiten Heimat geworden. Die Stadt biete viel für junge Menschen, und sie habe sich schnell eingelebt. „Ich war komplett offen und wurde in Halle nicht enttäuscht. Alle sind sehr herzlich, ich fühlte mich gleich willkommen“, berichtet die Studentin.

Ihr Lernverhalten hat sich verändert: „Ich lerne anders: nicht mehr einen Tag vorher noch ganz viel, sondern ich mache Pausen“. Sie sucht bewusst Ausgleich durch Freizeitaktivitäten mit neuen Freunden. „Ich brauche das, damit der Kopf atmen kann“.

Die Landzahnarztquote bleibt für Demmer vor allem eine große Chance. Während viele ihrer Kommilitonen noch um Studienplätze kämpfen, kann sie ihren Traum verwirklichen – und gleichzeitig einen Beitrag zur Gesundheitsversorgung in strukturschwachen Regionen leisten.