Russisch Brot: Die süße Reise von St. Petersburg nach Dresden
Viele verbinden mit Russisch Brot unmittelbar Kindheitserinnerungen aus der DDR. Doch dieses ikonische Gebäck mit den knusprigen Buchstaben ist keineswegs eine Erfindung der Deutschen Demokratischen Republik. Seine Geschichte reicht weit über hundert Jahre zurück und führt uns von den Backstuben des Zarenreiches in die sächsische Landeshauptstadt.
Ein Bäcker auf Entdeckungsreise
Der Überlieferung nach entdeckte der Bäckergeselle Ferdinand Friedrich Wilhelm Hanke während seiner Lehrjahre in St. Petersburg ein besonderes Gebäck. In Russland nannte man die süßen Buchstaben Bukwy, was schlicht Buchstaben bedeutet. Fasziniert von dieser Backkunst nahm Hanke das Rezept mit in seine Heimat.
Nach seiner Rückkehr nach Dresden begann er als Erster in Deutschland mit der Herstellung dieses besonderen Gebäcks. Im Jahr 1844 eröffnete er seine Deutsch & Russische Bäckerei und bot seinen Kunden das neuartige Gebäck mit lateinischen Buchstaben an. Damit legte er den Grundstein für eine Tradition, die bis heute andauert.
Vom Privatbetrieb zum Volkseigenen Betrieb
Die traditionelle Herstellung des Russisch Brots entwickelte sich in Dresden kontinuierlich weiter. Ein bedeutender Einschnitt erfolgte 1972, als das Unternehmen verstaatlicht und in VEB Rubro umbenannt wurde. Diese Abkürzung stand für Russisch Brot und markierte den Übergang in die Planwirtschaft der DDR.
Zwei Jahre später, 1974, erfolgte die Angliederung an den VEB Elite Dauerbackwaren. In den 1980er Jahren beauftragte der volkseigene Betrieb schließlich ein Dresdner Ingenieurbüro mit der Entwicklung einer speziellen Produktionsanlage für Russisch Brot.
Die Rettung in der Wendezeit
Die neu entwickelte Anlage sollte 1988 von der Brigade um Dr. Hartmut Quendt getestet werden. Doch durch die politischen Umwälzungen der Wendezeit kam sie zunächst nicht zum Einsatz. In einer bemerkenswerten Entscheidung bewahrte Dr. Quendt die Anlage vor der Verschrottung und startete damit 1991 in die Selbstständigkeit.
Er gründete die Dr. Quendt Backwaren GmbH in Dresden und nahm mit der geretteten Anlage den Dauerbackbetrieb auf. Bis heute wird in diesem Unternehmen das traditionelle Russisch Brot nach dem originalen Rezept hergestellt.
Das Geheimnis der fehlenden Buchstaben
Wer genau hinschaut, stellt fest: In den Tüten mit Russisch Brot fehlen die Buchstaben M und W. Dies ist kein Zufall, sondern hat einen praktischen Grund. Diese Buchstaben sind aufgrund ihrer Größe besonders bruchempfindlich, erklärt das Unternehmen. Für alle, die diese Buchstaben vermissen, hat sich die Firma eine kreative Lösung einfallen lassen.
Neben den normalen Einsen gibt es auch spiegelverkehrte Einsen. Aus diesen kann man die fehlenden Buchstaben zusammenlegen. Übrigens: Wegen der maschinellen Abfüllung sind in einer Tüte nicht immer alle Buchstaben des Alphabets vorhanden.
Die traditionelle Herstellung
Die Herstellung von Russisch Brot folgt einem bewährten Verfahren. Zunächst werden Zucker und Eiweiß für die Grundrezeptur vermengt. Anschließend kommen Wasser und die geschmacksgebenden Zutaten der einzelnen Sorten hinzu.
In einem großen Kessel wird die Masse verrührt und erhitzt, bevor sie kräftig aufgeschlagen wird. Um die richtige Konsistenz für die Weiterverarbeitung zu erhalten, wird nun Mehl untergehoben. Für die typischen Buchstaben und Zahlen wird die Masse durch sogenannte Dressierplatten gepresst.
Das Backen erfolgt bei unterschiedlichen Temperaturen auf einer etwa 25 Meter langen Backstraße. Dieser aufwendige Prozess sichert die gleichbleibend hohe Qualität des Kultgebäcks.
Ein Stück lebendige Geschichte
Russisch Brot ist mehr als nur ein süßes Gebäck. Es verkörpert eine über 180-jährige Tradition, die von St. Petersburg nach Dresden wanderte und dort bis heute gepflegt wird. Vom zaristischen Russland über die DDR bis in die Gegenwart hat dieses Backwerk Generationen begleitet.
Die Dr. Quendt Backwaren GmbH in Dresden bewahrt nicht nur das originale Rezept, sondern auch die handwerkliche Tradition. Jede Tüte Russisch Brot erzählt damit eine Geschichte von kulinarischem Austausch, unternehmerischem Mut und handwerklicher Perfektion.



