Neue Erkenntnisse zu Anne Boleyn
Ein britisches Forschungsteam der University of Bradford hat mithilfe moderner Gesichtserkennungssoftware ein vermeintliches Porträt von Anne Boleyn identifiziert. Die zweite Ehefrau von König Heinrich VIII. wurde 1536 hingerichtet, und es existieren kaum gesicherte Bildnisse von ihr. Die Studie, veröffentlicht in der Zeitschrift Nature, sorgt für Aufsehen in der Kunstwelt.
Bisherige Annahmen in Frage gestellt
Bislang galt eine Zeichnung des Malers Hans Holbein dem Jüngeren mit der Katalognummer RCIN 912189 als Anne Boleyn. Hauptautorin Karen L. Davies zweifelt dies jedoch an. Zeitgenössische Beschreibungen schildern Anne als dunkelhaarig und schlank mit einem kleinen Hals, während die Holbein-Zeichnung eine blonde Frau mit kräftiger Statur und Doppelkinn zeigt. Die Gesichtserkennungsanalyse ergab, dass eine andere Skizze, RCIN 912190, Anne Boleyn darstellt.
Kontroverse in der Fachwelt
Die Wissenschaftler nutzten neben der Gesichtserkennung auch biometrische Daten und historische Textbelege. Davies erklärte, das Ergebnis habe sie völlig überrascht. In der kunsthistorischen Fachwelt stößt die Methode jedoch auf Skepsis, da es kein gesichertes Gemälde von Anne Boleyn als Referenz gibt. Zudem wird kritisiert, dass Gesichtserkennungssoftware eigentlich für Fotos entwickelt wurde und nicht für Gemälde oder Zeichnungen.
Bedeutung für die Kunstgeschichte
Trotz der Kritik sehen die Forscher großes Potenzial in ihrer Methodik. Sie könnte künftig bei der Identifizierung weiterer historischer Porträts helfen. Die Entdeckung wirft neues Licht auf das Leben und das Aussehen von Anne Boleyn, deren Bildnisse nach ihrer Hinrichtung systematisch vernichtet wurden.
Die Diskussion um das wahre Gesicht von Anne Boleyn wird wohl noch andauern. Fest steht, dass die Forschung einen spannenden Beitrag zur Kunstgeschichte geleistet hat.



