Wehrpflicht-Beratung: Eltern sorgen sich um ihre Kinder – Kirche bietet ergebnisoffene Gespräche
Wehrpflicht-Beratung: Eltern sorgen sich um ihre Kinder

Wehrpflicht-Beratung: Eltern sorgen sich um ihre Kinder – Kirche bietet ergebnisoffene Gespräche

In Deutschland existiert aktuell keine verpflichtende Einberufung zum Wehrdienst, doch die Diskussionen um den neuen Wehrdienst lösen bei vielen Menschen tiefe Verunsicherung und Ängste aus. Jens Lattke, Friedens- und Umweltbeauftragter der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM), berichtet, dass sich vor allem Eltern und Großeltern Sorgen um ihre gerade erwachsenen Kinder und Enkelkinder machen. Das Beratungsangebot der Kirche, das eine ergebnisoffene Unterstützung vorsieht, gibt es bereits seit vielen Jahren, doch seit dem Inkrafttreten des neuen Wehrdienstgesetzes im Januar dieses Jahres haben die Anfragen deutlich zugenommen.

Eltern äußern mehr Bedenken als Jugendliche selbst

Lattke erklärt, dass Menschen sehr sensibel auf politische Äußerungen zur Bundeswehr reagieren und schnell über die persönlichen Konsequenzen nachdenken. „Bei der jüngsten Debatte zur Wehrpflicht meldeten sich weit mehr Eltern bei mir als Jugendliche selbst“, sagt er. Häufig hätten sich bei ihnen Sorgen und Ängste aufgestaut, die er in Gesprächen auffangen möchte, um zu verhindern, dass Druck auf die Kinder ausgeübt wird. „Denn letztlich müssen die Jugendlichen die Entscheidung treffen – nicht ihre Eltern“, betont Lattke. Gelegentlich wenden sich auch junge Erwachsene direkt an ihn.

Neues Gesetz und steigende Bewerbungszahlen

Gemäß dem aktuellen Gesetz unterliegen Männer im Alter von 18 bis 60 Jahren einer Wehrpflicht, doch eine verpflichtende Einberufung gibt es derzeit nicht. Das neue Wehrdienstgesetz sieht vor, dass alle 18-jährigen Männer und Frauen einen Fragebogen erhalten, um Eignung und Motivation für die Bundeswehr zu erfassen. Männer müssen diesen verpflichtend ausfüllen. Sollte die Bundeswehr nicht genügend Freiwillige gewinnen können, behält sich die schwarz-rote Koalition die Einführung einer Bedarfswehrpflicht vor. Dies hat bereits zu Protesten von Schülerinnen und Schülern in mehreren Städten geführt.

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Die Versendung der Fragebögen scheint erste Effekte zu zeigen: In Sachsen-Anhalt, Sachsen und Thüringen sind zu Beginn dieses Jahres mehr Bewerbungen für den freiwilligen Wehrdienst eingegangen. In Sachsen-Anhalt waren Ende Januar 140 Bewerbungen verzeichnet, im Vorjahr waren es etwa 100. In Sachsen gab es 80 Bewerbungen mehr, in Thüringen 30 mehr. Allerdings müssen Menschen aus diesen Bundesländern für eine verpflichtende Musterung derzeit noch nach Berlin reisen, da die erforderlichen Kapazitäten vor Ort erst Mitte 2027 zur Verfügung stehen werden.

Deutlicher Anstieg bei Kriegsdienstverweigerungen

Parallel zu den steigenden Bewerbungszahlen ist auch die Zahl der anerkannten Anträge auf Kriegsdienstverweigerung in den vergangenen Jahren deutlich gestiegen. Während 2020 nur 48 Anträge gezählt wurden, waren es 2025 insgesamt 2.830. Bis Ende Februar dieses Jahres wurden bereits 1.035 Anträge anerkannt. Kriegsdienstverweigerung ist ein Grundrecht, das aus Gewissensgründen in Anspruch genommen werden kann. Anerkannte Verweigerer müssen im Spannungs- oder Verteidigungsfall Zivildienst außerhalb der Bundeswehr leisten, was auch für Frauen gilt, die als Soldatinnen gedient haben.

Beratungsbedarf nach internationalen Konflikten

Lattke betont, dass die kirchliche Beratung ergebnisoffen ist und darauf abzielt, Klarheit für die Betroffenen zu schaffen. „Mir geht es darum, dass die Menschen für sich eine Entscheidung treffen können“, sagt er. Nach der Aussetzung der Wehrpflicht war die Beratungsstruktur weitgehend weggebrochen, doch internationale Ereignisse wie der Überfall Russlands auf die Ukraine und jüngst der Überfall auf den Iran haben den Bedarf wieder steigen lassen. „Zunächst meldeten sich vor allem Reservisten, die unsicher waren, was auf sie zukommt. Dann folgten Anfragen von Menschen ohne bisherigen Kontakt zur Bundeswehr“, berichtet Lattke. In den Gesprächen geht es häufig um den Spannungs- und Verteidigungsfall und die Frage, was passiert, wenn Deutschland militärische Kräfte benötigt.

Insgesamt zeigt sich, dass die Debatte um den Wehrdienst in Deutschland tiefe emotionale Reaktionen hervorruft, wobei die Kirche eine wichtige Rolle bei der Unterstützung besorgter Familien und Einzelpersonen spielt.

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