Wohnungsbau in Deutschland steckt in tiefster Krise
Die Zahlen sind alarmierend: Voraussichtlich werden in diesem Jahr weniger als 200.000 Wohnungen in Deutschland gebaut. Vor sechs Jahren waren es noch 100.000 mehr. Diese dramatische Entwicklung stellt den deutschen Wohnungsmarkt vor gewaltige Herausforderungen und betrifft Millionen von Bürgern direkt.
Ministerin Hubertz kehrt mit schwieriger Mission zurück
Am Donnerstag hielt Bundesbauministerin Verena Hubertz (SPD) beim Wohnungsbautag 2026 ihre erste große Rede nach der Babypause. Ihr Neustart gestaltet sich äußerst schwierig, denn der Wohnungsmarkt steckt in einer tiefen Krise. Der Neubau bricht massiv ein und Bauen ist für viele kaum noch bezahlbar.
Die Studie, die BILD vorab vorliegt, zeigt den dramatischen Abwärtstrend: Wurden 2020 noch 306.000 Wohnungen fertiggestellt, waren es 2024 nur noch 252.000. Für 2025 werden rund 220.000 erwartet und im laufenden Jahr droht sogar ein Absacken unter die kritische Grenze von 200.000 Wohnungen.
Explodierende Baukosten und Zins-Schock
In deutschen Großstädten liegen die Baukosten inzwischen bei rund 4.631 Euro pro Quadratmeter, mit Grundstück sogar bei knapp 5.400 Euro. Frei finanzierter Neubau ist damit unter 20 Euro Kaltmiete pro Quadratmeter kaum noch wirtschaftlich zu realisieren.
Bauforscher Dietmar Walberg warnt: „Deutschland baut viel zu teuer. Die Baukosten schießen immer weiter durch die Decke.“ Hinzu kommt der Zins-Schock: 2022 sprangen die Bauzinsen binnen kurzer Zeit von unter 1 auf rund 4 Prozent, was viele Kalkulationen zusammenbrechen ließ. Seit 2021 sind die Genehmigungen zudem um 43 Prozent zurückgegangen.
9,9 Millionen Menschen in unpassenden Wohnungen
Die Folgen dieser Entwicklung treffen Millionen Bürger direkt. Laut der Studie leben 9,9 Millionen Menschen in Deutschland in Wohnungen, die entweder zu klein oder zu groß für ihre Bedürfnisse sind. Besonders betroffen sind große Haushalte:
- Ein Drittel der Haushalte mit vier und mehr Personen wohnt zu eng
- Diese leben in Wohnungen mit maximal vier Räumen (ohne Küche und Bad)
- Jeder zehnte dieser großen Haushalte hat sogar höchstens drei Räume
Arnt von Bodelschwingh, auf Wohnungswirtschaft spezialisierter Unternehmensberater, mahnt: „Ohne Neubau friert der Wohnungsmarkt immer weiter ein.“ Er fügt hinzu: „Fast jedes fünfte Kind in Deutschland wächst in einer zu kleinen Wohnung auf.“
Fehlende Alternativen und schrumpfende Genehmigungen
Weil so wenig neu gebaut wird, fehlen dringend benötigte Wohnungen. Alternativen werden immer knapper und teurer. Viele Menschen bleiben in Wohnungen, die längst nicht mehr zu ihrem Leben passen – einfach weil ein Umzug fast immer mehr kosten würde.
Entlastung ist nicht in Sicht, denn auch die Zahl der genehmigten, aber noch nicht fertiggestellten Wohnungen schrumpft kontinuierlich. Immer mehr Projekte werden gar nicht mehr begonnen. 2024 erloschen über 22.000 Baugenehmigungen – darunter knapp 16.000 aus 2021 oder früheren Jahren.
Forderungen nach Rettungspaket und Vereinfachung
Tim-Oliver Müller, Hauptgeschäftsführer des Hauptverbandes der Deutschen Bauindustrie, fordert ein Rettungspaket für den Wohnungsbau: „Wer einen Wumms im Wohnungsbau möchte, sollte über Sonderabschreibungen nachdenken, Verfahrensdigitalisierung beschleunigen, günstiges Bauland ausweisen und einfaches Bauen grundsätzlich ermöglichen.“
Jan-Marco Luczak, baupolitischer Sprecher der CDU/CSU-Fraktion, ergänzt: „In Deutschland fehlen Hunderttausende Wohnungen, weil Bauen zu lange dauert und zu teuer ist.“ Seine klare Forderung: „Statt teurem Goldstandard müssen wir einfaches und kostengünstiges Bauen zum neuen ‚Normal‘ machen.“
Internationale Lage verschärft die Krise
Martin Dornieden, Chef der Dornieden Gruppe aus Mönchengladbach, sieht in den Entwicklungen im Nahen Osten ein zusätzliches Risiko für die Bauindustrie. Steigende Energiekosten, anziehende Inflation sowie höhere oder länger hohe Zinsen könnten die Folge sein. Dies würde Finanzierungen zusätzlich erschweren und Bauprojekte weiter unter Druck setzen.
Die Wohnungsbau-Krise in Deutschland hat somit multiple Ursachen und erfordert dringend politisches Handeln, um Millionen Bürger vor den Folgen zu schützen und den dringend benötigten Wohnraum zu schaffen.



