Neuer Nachtzug von Paris nach Berlin nimmt Fahrt auf
Ein auffällig blauer Zug rollt am Pariser Gare du Nord ein und zieht neugierige Blicke von Reisenden und Eisenbahnern auf sich. Am Donnerstagabend startete der neue Nachtzug zwischen Paris und Berlin zu seiner ersten Fahrt, eine Verbindung, die eine Lücke im noch spärlichen Netz von Nachtzügen schließt. Nach einer kleinen Feier mit Bahnverantwortlichen setzte sich der Zug unter regem Medieninteresse Richtung Bundeshauptstadt in Bewegung.
Dreimal wöchentliche Verbindung mit Zwischenstopps
Das niederländisch-belgische Bahnunternehmen European Sleeper betreibt die Nachtzugverbindung dreimal pro Woche zwischen beiden Metropolen. Die Fahrzeit beträgt rund 16 Stunden. Vom 13. Juli an wird der Bahnhof Hamburg-Harburg als einziger Zwischenhalt in Deutschland bedient. Weitere Stopps sind im nordfranzösischen Aulnoye-Aymeries sowie in den belgischen Städten Mons, Brüssel und Lüttich. Fahrkarten gibt es in drei Komfort-Klassen, und Fahrräder werden ebenfalls mitgenommen.
Privates Start-up übernimmt Strecke von Staatsbahnen
European Sleeper übernimmt damit eine Strecke, die die Österreichischen Bundesbahnen (ÖBB) Mitte Dezember wegen wegfallender staatlicher Zuschüsse aus Frankreich eingestellt hatten. Dieser von der ÖBB in Kooperation mit der SNCF und DB eingesetzte Zug fuhr eine andere Route über Straßburg, Frankfurt und Erfurt. Gegen die Einstellung dieser erst zwei Jahre zuvor neu eingeführten Verbindung gab es größeren Protest, woraufhin European Sleeper einsprang, um die beiden Metropolen zu verbinden.
Chris Engelmann, Co-Gründer von European Sleeper, erzählt, dass nur mit Beharrlichkeit der neue Zug binnen weniger Monate aufs Gleis gebracht werden konnte. „Jedes Land hat andere Regeln und die Bürokratie macht es schwierig.“ Das Projekt sei bei den beteiligten Bahnverantwortlichen in Frankreich, Belgien und Deutschland auf Sympathie gestoßen, „alle waren enthusiastisch“. So wurde für den Nachtzug noch kurzfristig eine Lücke in den Fahrplänen gefunden.
Weitere Nachtzugpläne und Reisendenfreude
European Sleeper betreibt bereits eine Verbindung zwischen Brüssel und Prag über Berlin. Ab September will das Unternehmen eine weitere Nachtverbindung von Brüssel über Köln und Zürich nach Mailand starten. Viele Reisende freuen sich über die Wiederaufnahme des Nachtzugs zwischen Paris und Berlin. Ulrike aus Halle (Saale) reiste mit ihren erwachsenen Kindern Judith und Julius auf der ersten Fahrt. „Ich bin noch nie mit einem Nachtzug gefahren“, erzählt sie. Julius betont die Vorteile: „Man nimmt Raum und Zeit anders wahr und kommt erholt an.“ Ein Riesenfaktor im Vergleich zum Flug sei der Umweltschutz, und Judith fügt hinzu: „Außerdem spart man sich die Kosten einer Nacht im Hotel.“
Ältere Waggons und großer Empfang
Der neue Nachtzug besteht aus Schlaf- und Liegewagen, die seit den neunziger Jahren im Einsatz sind und an heutige Standards angepasst wurden. European Sleeper mietet die Waggons von einem deutschen Unternehmen, ebenso wie die nagelneue Lokomotive. Das Personal wird von einem anderen Unternehmen gestellt, und später plant European Sleeper Investitionen in neue Waggons.
Nach zweieinhalb Stunden Fahrt gab es im nordfranzösischen Grenzort Aulnoye-Aymeries einen unerwartet großen Empfang. Rund einhundert Einwohner jubelten auf dem Bahnsteig mit französischen und deutschen Fähnchen, und der Bürgermeister begrüßte die Gründer freudig. Nach Jahrzehnten erhält die Region wieder Anschluss an den Fernverkehr und nach Deutschland.
Reges Interesse und wirtschaftliche Herausforderungen
Nachtzüge erfreuen sich reger Nachfrage, da sich mehr Menschen für Fernreisen per Bahn entscheiden. Staatliche Bahngesellschaften beklagen jedoch, dass diese Verbindungen nicht rentabel sind, da die Züge tagsüber auf Abstellgleisen stehen, während ICEs mehrmals täglich hin- und herfahren. Dennoch kommt die neue Verbindung gut an: 25.000 Tickets wurden bereits vor der ersten Fahrt verkauft, mehr als erwartet. European Sleeper arbeitet mit einem genossenschaftlichen Eigentumsmodell, bei dem Projektunterstützer Anteile erwerben und so die Verbindungen finanzieren.



