Bedrohungslage an Nord- und Ostsee verschärft sich
Die Häfen an Nord- und Ostsee sehen sich täglich mit einer Vielzahl von Angriffen konfrontiert. Drohnenüberflüge, Sabotageakte an Marineschiffen und Cyberattacken sind an der Tagesordnung. Diese Entwicklung hat dazu geführt, dass die maritime Sicherheit zum zentralen Thema der 14. Nationalen Maritimen Konferenz in Emden geworden ist. Das Spitzentreffen der Branche unter Leitung der Bundesregierung befasst sich intensiv mit den wachsenden Gefahren.
Wie hat sich die Sicherheitslage verändert?
Die Sicherheitslage auf Nord- und Ostsee hat sich deutlich verschärft, wie Marine und Hafenbetreiber übereinstimmend berichten. Henrik Schilling, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Sicherheitspolitik der Universität Kiel, betont, dass Deutschland und Europa jahrzehntelang in relativer Friedenszeit gelebt hätten. Die Nord- und Ostsee seien nicht als Konfliktraum betrachtet worden. Seit dem russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine habe sich die Situation auf mehreren Ebenen verschlechtert, insbesondere durch sogenannte hybride Angriffe.
Die Deutsche Marine registriert ebenfalls eine veränderte Lage. Sie setzt im Nordatlantik und in der Ostsee U-Boote, Seefernaufklärer und Fregatten ein, um Seeverbindungen zu sichern und russische U-Boote zu überwachen. Ein Sprecher des Marinekommandos in Rostock erklärte: „In der Ostsee treffen wir fast täglich auf russische Einheiten und stellen fest, dass sie sich breiter aufstellen und zunehmend aggressiver gegenüber Nato-Schiffen auftreten.“
Was sind hybride Angriffe und wogegen richten sie sich?
Hybride Angriffe sind nach Definition von Experte Schilling staatlich motivierte Aktionen, die unterhalb der Schwelle eines bewaffneten Konflikts stattfinden. Dazu gehören Drohnenüberflüge, physische Angriffe auf kritische Infrastrukturen, Cyberangriffe, Spionage und Sabotage. In den meisten Fällen wird Russland als Urheber vermutet. Ziel dieser Angriffe sei es, Druck auf Europa auszuüben und Entscheidungen zugunsten der Ukraine zu verhindern.
Wie verwundbar sind die Häfen?
Über das genaue Ausmaß hybrider Angriffe auf deutsche Seehäfen gibt es kaum öffentliche Informationen. Experte Schilling weist darauf hin, dass Bedrohungen nicht nur physisch, sondern auch aus dem virtuellen Raum kommen. „Wir sehen einen deutlichen Zuwachs an Cyberangriffen. Es geht um Hunderte Angriffe pro Tag, die meisten werden abgewehrt.“ Bei der Marine wurden Schiffe mehrfach Ziel von Sabotageaktionen, darunter durchtrennte Kabelbäume, Metallspäne in Antrieben oder Öleintrag im Trinkwassersystem. Der Marinesprecher fasst zusammen: „Es gibt Sabotageversuche an unseren Schiffen im Hafen und in der Werft, Drohnenüberflüge, Eindringversuche in Stützpunkte und Ankerverluste, die Leitungen und Kabel beschädigen.“
Schutzmaßnahmen der Häfen
Norddeutsche Hafenbetreiber betonen, dass der Schutz systemrelevanter Infrastruktur hohe Priorität habe. Die niedersächsische Hafeninfrastrukturgesellschaft NPorts teilt mit: „Die Sicherheitsbehörden bewerten die Gefährdungslagen, und wir setzen die abgeleiteten Maßnahmen konsequent um.“ Es gibt gemeinsame Risikoanalysen und Übungen. In Bremerhaven werden Zugangskontrollen, Überwachung und Cybersicherheitssysteme laufend verbessert.
Die Marine hat für ihre Militärhäfen ein „wirkvolles Maßnahmenpaket“ umgesetzt, darunter Drohnenabwehranlagen, verstärkte Präsenz kleiner Einheiten sowie unbemannte Systeme über und unter Wasser. „Wir machen unsere Stützpunkte widerstandsfähiger“, so der Marinesprecher.
Rolle der Häfen in einem Konfliktfall
Den Häfen kommt militärisch eine Schlüsselrolle zu. Es gibt teils geheime Pläne von Bundeswehr und Nato, wonach Deutschland zu einer logistischen Drehscheibe für Militärfahrzeuge, Truppen und Material werden soll. In Seehäfen könnten „Deployment Hubs“ entstehen, die Verladung und Umschlag für militärische Bedarfe übernehmen. Nachschub aus den USA würde in Nordseehäfen wie Hamburg ankommen und über Landwege ins Baltikum transportiert werden. Ostseehäfen wie Kiel wären wichtig für die Versorgung der Nato-Partner Schweden und Finnland. Bereits heute sind Häfen wie Emden und Bremerhaven wichtige Umschlagsorte für die Bundeswehr, US-Armee und Nato.
Zukunftspläne und Investitionen
In Bremerhaven soll ein maritimer Logistik-Hub entstehen, um den wachsenden Nato-Anforderungen gerecht zu werden. Der Bund investiert rund 1,35 Milliarden Euro. Der Zentralverband deutscher Seehafenbetriebe (ZDS) fordert jedoch einen grundsätzlichen Neustart bei der Hafenfinanzierung, da das aktuelle Modell nicht mehr zu den gestiegenen Anforderungen passe. Der Investitionsstau in deutschen Seehäfen betrage rund 15 Milliarden Euro.
Die maritime Industrie erkennt den Schiffbau zunehmend als systemkritische Fähigkeit an. Die Auftragsbücher vieler Werften sind gut gefüllt, der Marineschiffbau floriert. Unternehmen steigern ihre Kapazitäten: Die Kieler U-Bootfirma TKMS baut ihre Werft in Wismar aus, Rheinmetall hat mit der Serienfertigung von Drohnenbooten in Hamburg begonnen.
Reaktion der Marine
Die Marine prüft die Einrichtung eines weiteren Militärhafens an der Nordseeküste, Favoriten sind Emden oder Bremerhaven. In Kiel haben sich Stadt und Bund auf die Rückgabe von Teilen eines ehemaligen Marineflieger-Geländes an die Bundeswehr geeinigt. Der Inspekteur der Marine, Vizeadmiral Jan Christian Kaack, betont: „Der Ausbau der Marine dient der Sicherheit des Landes und der Partner. Er ist kein Selbstzweck, sondern die notwendige Antwort auf die veränderte Bedrohungslage.“



