Eisenbahner mit Herz: Menschlichkeit im Schneechaos und Gedenken an getöteten Kollegen
In einer bewegenden Zeremonie im historischen Kaiserbahnhof in Potsdam hat die Allianz pro Schiene die Auszeichnung Eisenbahner mit Herz 2026 verliehen. Der Preis ehrt zum 16. Mal besonders engagierte Bahnbeschäftigte in ganz Deutschland, die in schwierigen Situationen Menschlichkeit und Hilfsbereitschaft zeigen. Die diesjährige Verleihung steht im Zeichen des Gedenkens an den getöteten Zugbegleiter Serkan Çalar, der im Februar bei einer Ticketkontrolle in Rheinland-Pfalz Opfer eines tödlichen Angriffs wurde.
Goldene Auszeichnung für Zugbegleiter im Schneechaos
Einer der Preisträger ist der Zugbegleiter Ronald-Phillip Tolkiehn von Arverio, der die goldene Auszeichnung erhält. Sein Einsatz fand an einem eisigen Januarabend im baden-württembergischen Esslingen statt, als ein voller Regionalzug dreieinhalb Stunden im Schneechaos feststeckte. Während Verzweiflung unter den Reisenden um sich griff, bewahrte Tolkiehn die Ruhe und kümmerte sich um jeden einzelnen Fahrgast. Er half sogar zwei Häftlingen auf Freigang, indem er mit ihrem Bewährungshelfer telefonierte, die Angst vor einer Strafe hatten.
Als der Zug Stunden später endlich am Bahnhof ankam, war die Tortur für viele noch nicht vorbei. Das ältere Ehepaar Ulrike Korn und ihr Mann, auf dem Heimweg von Sylt gestrandet, sahen sich bereits auf Metallbänken übernachten. Kein Taxi fuhr mehr, alle hatten ob der Schneemassen aufgegeben. Doch Tolkiehn gab nicht auf: Kurzerhand lud er das Paar in sein eigenes Auto und fuhr sie langsam und bedächtig durch den Schnee bis nach Hause. „Es ist einfach meine Art“, erklärt der Zugbegleiter. „Wenn ich sehe, dass einer Hilfe braucht, dann biete ich meine Hilfe an.“
Gedenkminute für Serkan Çalar und Wertschätzung für Bahnbeschäftigte
Die Pressesprecherin der Allianz pro Schiene, Sabrina Wendling, betont, dass genau diese zupackende Art ausgezeichnet werden soll. Bahnbeschäftigte erlebten oft verbale und körperliche Übergriffe, doch viele machten ihren Job trotz aller Hürden wie Verspätungen oder Sicherheitsrisiken gern. „Ihnen soll etwas Wertschätzung und Anerkennung zurückgegeben werden“, sagt Wendling. Angesichts des tödlichen Angriffs auf Serkan Çalar empfindet sie die Preisverleihung in diesem Jahr als besonders wichtig.
„Wir werden mit einer Gedenkminute an Serkan Çalar die Verleihung starten“, erklärt Wendling. „Ich bin mir sicher: Jeder der Preisträger trägt ihn in sich bei der Verleihung.“ Çalar, ein 36-jähriger alleinerziehender Vater von zwei Kindern, der verlobt war und seine Hochzeit plante, erlag seinen lebensgefährlichen Verletzungen nach schweren Faustschlägen gegen den Kopf durch einen Fahrgast.
Weitere Preisträger aus Sachsen, Bayern und Nordrhein-Westfalen
Die Geschichten der weiteren Preisträgerinnen und Preisträger rühren und basieren auf Meldungen von Reisenden, die sich dankbar an den Kontakt mit den Bahnmitarbeitern erinnern:
- Manuel Drechsel, Steffen Richter und Sven Schimmel aus Dresden und Umgebung erhalten den silbernen Preis. Sie kümmerten sich nach einem Krampfanfall um eine Reisende mit posttraumatischer Belastungsstörung, nahmen sie abgeschirmt in den Lokführerstand, damit sie zur Ruhe kommen konnte. Schimmel tat dies trotz seiner laufenden Prüfung zum Lokführer – und legte sie letztlich mit Bravour ab.
- Patricia Bergmann, Mobilitätsservice-Mitarbeiterin am Bahnhof Landshut, gilt als „die gute Seele“ und erhält die Bronze-Ehrung. Sie half einer 14-Jährigen im Rollstuhl trotz fehlenden Aufzugs mit großem Einsatz.
- Der Sonderpreisträger Alexander Rezek ist Servicemitarbeiter im Reisezentrum am Kölner Hauptbahnhof. Seine freundliche und zugewandte Art bringt ihm immer wieder Fanpost ein.
Die Auszeichnung Eisenbahner mit Herz unterstreicht die Bedeutung von Menschlichkeit und Engagement im Bahnalltag, besonders in Zeiten, in denen Bahnbeschäftigte oft unter schwierigen Bedingungen arbeiten. Die Preisträger stehen beispielhaft für die vielen unsichtbaren Helden, die täglich für die Sicherheit und das Wohl der Reisenden sorgen.



