Münchner Ingenieurskunst: Historischer Abwasserkanal aus 1889 wird mit modernster Technik saniert
Münchner Ingenieurskunst: 135 Jahre alter Kanal wird saniert

Spektakuläre Kanal-Sanierung in München: Historische Technik trifft auf moderne Ingenieurskunst

Wie repariert man einen 135 Jahre alten und 220 Meter langen Abwasserkanal, ohne die gesamte Straße aufzureißen? Diese faszinierende Frage beantwortet aktuell eine Baustelle in der Münchner Lilienstraße vor der Mariahilfkirche. Seit Mitte November laufen dort besondere Bauarbeiten, die Passanten durch aufgeständerte blaue Rohre am Gehsteig auffallen.

Ein Stück Münchner Geschichte unter der Erde

Zwischen Mariahilfplatz und Kreuzplätzchen liegt einer der ältesten Kanäle Münchens, der noch aus dem Jahr 1889 stammt. Die damaligen Baumeister errichteten die mannshohe Röhre aus doppelreihig gemauerten Kanalklinkern, was für besondere Stabilität sorgte. Das clevere eiförmige Profil – oben breiter, unten schmaler – sorgt dafür, dass auch bei wenig Regen die Abflussgeschwindigkeit in der schmaleren Sohle hoch bleibt und weniger Ablagerungen entstehen.

Bis heute leitet dieser historische Kanal das Abwasser tausender Münchner Haushalte aus der Au, Giesing, Geiselgasteig und südlichen Landkreisgemeinden rechts der Isar. Er unterquert auf Höhe der Ludwigsbrücke beim Deutschen Museum die Isar und führt das Abwasser weiter nach Norden Richtung Klärwerk Gut Großlappen.

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Innovative Sanierungsmethode mit nur einer Baugrube

Für die notwendige Sanierung des 220 Meter langen Kanalstücks an der Lilienstraße setzen Experten der Münchner Stadtentwässerung (MSE) auf einen kunstvollen Ingenieurstrick. Über nur eine einzige Baugrube auf Höhe der Lilienstraße 66, wo der obere Teil des Kanals geöffnet wurde, bauen sie moderne eiförmige GFK-Rohrteile in den historischen Abwasserkanal ein.

Die sogenannte GFK-Kurzrohr-Lining-Sanierung verwendet Rohrteile von ein bis 2,3 Metern Länge und bis zu 800 Kilogramm Gewicht. Jede Woche verbauten die Experten 48 dieser Teile, zunächst in südlicher Richtung, danach in Fließrichtung nach Norden. Insgesamt werden auf der gesamten Strecke 106 Teile präzise miteinander verbunden, wobei ein spezielles Verbindungsrohrstück die letzte Lücke im Kanal schließt.

Oberirdisches Provisorium für den Abwasserfluss

Während der Sanierungsarbeiten muss das Abwasser aus den angeschlossenen Vierteln natürlich weiter abfließen können. Dafür wurde ein ausgeklügeltes System installiert: Ein Vakuum-Saug-Pumpsystem leitet das Abwasser oberirdisch um – über die auffälligen aufgeständerten Rohre, die bis zu viereinhalb Meter hoch über der Lilienstraße verlaufen.

„Damit Zufahrten, Gehwege und Rettungswege frei bleiben“, erklärt die Stadtentwässerung dieses Vorgehen. „Das Verfahren ist nicht nur effizient, sondern schont auch Umwelt und Anwohner.“ Die gesamte Sanierung kostet etwa 2,5 Millionen Euro und soll bis zum 24. April abgeschlossen sein, rechtzeitig vor Beginn der Maidult am Mariahilfplatz am 25. April.

Das Münchner Kanalnetz: Eine ständige Herausforderung

Das Münchner Kanalnetz erstreckt sich über beeindruckende 2436 Kilometer und erfordert kontinuierliche Sanierungsarbeiten. Allein im Jahr 2024 erneuerte die Münchner Stadtentwässerung 33 Kilometer Rohrkanal und 2500 Meter begehbare Kanäle. Weitere Arbeiten stehen bereits an, darunter die Erneuerung von 770 Metern eines Mauerwerkskanals in der Schellingstraße.

Die aktuelle Sanierung in der Lilienstraße zeigt beispielhaft, wie historische Infrastruktur mit modernster Technik erhalten werden kann – ein echtes Stück Münchner Ingenieurskunst, das sich für aufmerksame Passanten lohnt, genauer betrachtet zu werden.

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