Schwerin: Zwangsräumungen treiben Belegung in Obdachlosenunterkunft - Klientel wird jünger
Die städtische Unterkunft für wohnungslose Menschen am Mittelweg in Schwerin verzeichnet eine deutlich höhere Auslastung als in den vergangenen Jahren. Aktuell leben 37 Personen in der Einrichtung, während der Durchschnitt zuvor bei etwa 26 bis 28 Bewohnern lag. Besonders auffällig ist der Wandel im Klientel: Immer mehr jüngere Menschen suchen hier Zuflucht, während früher häufiger ältere Personen betroffen waren.
Stabilität nach Jahren ohne festen Wohnsitz
Der 46-jährige Michael lebt seit vier Monaten in der Unterkunft im Schweriner Stadtteil Weststadt. Nach mehreren Jahren ohne feste Wohnung bedeutet der Platz für ihn vor allem Stabilität. „Man kann hier Wäsche waschen, es ist warm und viele sind in Ordnung, die da leben. Zur Not, wenn man Hunger hat, kann man auch Mittag kaufen. Das ist eigentlich ganz gut“, beschreibt er die Grundversorgung. Gerade diese kleinen Sicherheiten seien wichtig, wenn vieles andere im Leben unsicher sei.
Gleichzeitig erlebt er täglich die Grenzen der Einrichtung. Das Gebäude, ein ehemaliger Kindergarten, gilt als in die Jahre gekommen. „Zum Beispiel die Heizung funktioniert nicht immer. Die eine Toilettentür ist kaputt und die Dusche, die tropft jetzt richtig extrem“, schildert Michael die Situation. Auch der Stadt ist bewusst, dass der Standort langfristig keine ideale Lösung darstellt. Alternativen werden geprüft, wobei die Unterkunft möglichst im gewachsenen Umfeld bleiben soll.
Steigende Zwangsräumungen als Hauptursache
Die aktuell höhere Auslastung führt die langjährige Mitarbeiterin Heike Koch vor allem auf steigende Zwangsräumungen zurück. „Wir haben bisher keine Sommer-Winter-Schwankungen festgestellt. Die haben wir noch nie gehabt“, berichtet sie. Die Unterkunft am Mittelweg ist als kommunale Notlösung gedacht und soll kurzfristig Schutz bieten sowie dabei helfen, wieder eine eigene Wohnung zu finden.
Cornelia Pollin, Fachdienstleiterin im Bereich Soziales der Landeshauptstadt Schwerin, bestätigt den Wandel: „Durch die vielen Zwangsräumungen ist es ein anderes Klientel geworden.“ Die meisten Bewohner kommen allein. Die Stadt versucht, Familien möglichst außerhalb der Einrichtung unterzubringen oder Zwangsräumungen kurzfristig abzuwenden.
Strukturierter Alltag auf engem Raum
Die Unterkunft verfügt überwiegend über Drei-Bett-Zimmer sowie wenige Einzelzimmer. Gemeinschaftsräume wie Küche oder Fernsehzimmer stehen allen zur Verfügung, allerdings unter festen Regeln. Diese sollen das Zusammenleben auf engem Raum strukturieren und Konflikte vermeiden.
Zu den wichtigsten Regeln gehört:
- Hochprozentiger Alkohol ist innerhalb der Einrichtung verboten
- Nutzung und Sauberkeit der Gemeinschaftsküche sind klar geregelt
- Die Einrichtung wird rund um die Uhr betreut
Mitarbeiterin Heike Koch betont: „Viele verkennen, dass wir eine Notunterkunft sind, kein Hotel.“ Ziel sei es, Stabilität zu schaffen, aber keine dauerhafte Wohnlösung.
Praktische Unterstützung im Alltag
Für viele Bewohner ist praktische Hilfe bei Behördengängen oder der Wohnungssuche essentiell. Antonio Mehlhorn, Mitarbeiter in der Unterkunft, beschreibt seine Aufgaben: „Viele haben kein Handy, kein Internet – hier versuchen wir dann zu helfen, suchen Sachen raus oder informieren über Öffnungszeiten.“ Neben Beratung gehören Kontrollgänge, Gespräche und organisatorische Aufgaben zu seinem Alltag.
Tagsüber arbeiten zwei Mitarbeiter im Haus, zusätzlich ist die Rezeption für Notfälle rund um die Uhr besetzt. Bei Frost oder extremen Wetterlagen müssen die Bewohner nicht auf die Straße, sondern können ganztägig in der Unterkunft bleiben.
Aufnahmeprozess und Nachbarschaft
Wer in der Unterkunft unterkommt, muss zunächst eine Prüfung durch die Stadt Schwerin durchlaufen. Robert Jacob, Sachbearbeiter im Fachbereich Soziales, erklärt: „Wenn jemand wohnungslos wird, aus welchen Gründen auch immer, dann wird geprüft, ob sie Bürger der Landeshauptstadt Schwerin sind.“ Eine feste Aufenthaltsdauer gibt es nicht, da nicht absehbar ist, wie lange Bewohner bis zu einem Auszug benötigen.
Nach Angaben der Stadt gibt es keine grundsätzlichen Probleme mit der Nachbarschaft. Die Einrichtung sei im Stadtteil etabliert, größere Konflikte oder Beschwerden würden aktuell nicht festgestellt. Die meisten Bewohner sind friedlich und dankbar für die Möglichkeiten, die ihnen hier geboten werden.



