Digitale Mediennutzung: Eltern sorgen sich um Suchtrisiko bei Kindern
Das Smartphone ist ständiger Begleiter, Nachrichten erscheinen im Sekundentakt, Streaming-Dienste laufen ohne Ende – und der Blick ist meist auf den Bildschirm gerichtet. Eltern erleben täglich, wie stark die verführerische Macht digitaler Medien auf Kinder und Jugendliche wirken kann. Eine aktuelle Umfrage offenbart nun überraschende Erkenntnisse über das Wissen der Eltern und ihre größten Ängste.
Überraschend gute Informiertheit der Eltern
Laut einer repräsentativen Forsa-Umfrage im Auftrag der KKH Kaufmännische Krankenkasse wissen die meisten Eltern erstaunlich genau, welche digitalen Medien und Online-Angebote ihr Kind nutzt. Die Untersuchung, für die vom 30. Januar bis 16. Februar bundesweit 1.001 Eltern mit Kindern im Alter zwischen 6 und 18 Jahren befragt wurden, zeigt: Die Hälfte der Befragten fühlt sich eher gut informiert, 24 Prozent sogar sehr gut. Allerdings gesteht ein Fünftel der Eltern, dass die Mediennutzung ihres Nachwuchses für sie „eine Art Blackbox“ darstellt – sie fühlen sich schlecht darüber informiert, was ihr Kind im Internet ansieht, welche Spiele es spielt und welche Inhalte es postet.
Digitale Medien als fester Alltagsbestandteil
Die Anziehungskraft von Smartphone, Tablet, Spielekonsole und Co. ist enorm: Fast jeder Heranwachsende (96 Prozent) nutzt regelmäßig digitale Medien. Ganz klar an der Spitze stehen Video-Streaming-Dienste mit 80 Prozent, gefolgt von Musik-Streaming (64 Prozent) und Social-Media-Plattformen (52 Prozent). Online-Spiele kommen auf 45 Prozent, künstliche Intelligenz wie ChatGPT auf 26 Prozent. Die Krankenkasse stellt fest: Digitale Medien sind immer früher fester Bestandteil des Alltags der Kinder – in der Familie, im Freundeskreis, in der Schule, in der Ausbildung bis hin zu Urlaub und Freizeit.
Bemerkenswert ist, dass bereits 6- bis 9-Jährige online erstaunlich aktiv sind: Über zwei Drittel von ihnen nutzen nach Angaben der Eltern Streaming-Angebote, mehr als ein Fünftel spielt Online-Spiele. Mit 59 Prozent ist der Anteil derjenigen, die Lern-Apps verwenden, recht hoch. Soziale Netzwerke nutzen dagegen nur 3 Prozent der Kinder dieser Altersgruppe.
Größte Sorge: Suchtpotenzial digitaler Medien
Die eindeutig größte Sorge der befragten Eltern ist das Suchtpotenzial digitaler Medien. Immerhin 53 Prozent der Eltern fürchten das Risiko einer Mediensucht, fast ebenso viele (50 Prozent) befürchten Konzentrationsprobleme. Gut die Hälfte der Eltern geht davon aus, dass der Umgang mit digitalen Geräten und Inhalten sich auf ihre Kinder auswirkt, gut ein Drittel nimmt bereits negative Folgen wahr.
34 Prozent der Befragten befürchten psychische Probleme oder Bewegungsmangel, auch Schlafstörungen (27 Prozent) bereiten Sorgen. Fast die Hälfte der Eltern hat außerdem Bedenken, ob ihr Kind im Netz mit gefährlichen Inhalten konfrontiert wird, 39 Prozent treibt die Sorge wegen Cybermobbings um.
Aktuelle Studien bestätigen Suchtgefahr
Eine in der vergangenen Woche vorgestellte Studie der Krankenkasse DAK-Gesundheit und des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf bestätigt diese Ängste: Der problematische Umgang mit sozialen Medien bei Kindern und Jugendlichen hält an – und Anwendungen mit künstlicher Intelligenz bringen neue Risiken mit sich. Hochgerechnet sind fast 1,5 Millionen Jungen und Mädchen zwischen 10 und 17 Jahren von Social-Media-Sucht bedroht oder bereits betroffen.
Programme wie ChatGPT oder Gemini, die eine „menschenähnliche Kommunikation“ per Text oder Sprache ermöglichen, gehören laut Studie bei vielen Kindern und Jugendlichen zum Alltag. Einzelne Befragte gaben an, Chatbots Dinge anzuvertrauen, die sie sonst keinem oder nur engen Freunden erzählen würden.
Experten warnen vor Verführungskünstlern
Die Psychologin Franziska Klemm bezeichnet Social Media und andere digitale Angebote als „Verführungskünstler“. Diese Dienste arbeiteten mit technischen und psychologischen, teils personalisierten Mechanismen – mit dem Ziel, die Nutzerinnen und Nutzer an sich zu binden. „Denn damit verdienen sie ihr Geld“, erklärt sie.
Klemm betont: „Das bewusst wahrzunehmen und sich dagegen zu schützen, ist vor allem für Kinder schwer. Und so können ständiges Swipen, Chatten, Posten und Liken überhandnehmen und sich negativ auf die mentale Gesundheit auswirken.“ Die Lösung sieht die Expertin in Medienkompetenz. Diese helfe „Heranwachsenden, das online Erlebte einzuordnen und zu hinterfragen und befähigt sie, Medien nicht nur zu konsumieren, sondern aktiv zu nutzen“.
Die Sorgen der Eltern seien nachvollziehbar – Schlafmangel, Konzentrationsstörungen, Ängste, depressive Symptome oder Isolation könnten die Folgen übermäßiger Bildschirmzeiten sein. „Für Eltern liegt die Herausforderung darin, die Balance zwischen Chancen und Risiken auszuloten.“
Herausforderungen bei der Medienerziehung
Viele Maßnahmen scheinen selbsterklärend: altersgemäß begrenzte Bildschirmzeiten, Zeitlimits für bestimmte Apps, Privatsphäre-Einstellungen und Offline-Zeiten für Treffen mit Gleichaltrigen. Doch genau hier liegen für Eltern oft die größten Herausforderungen: Klare Regeln aufstellen, diese konsequent durchsetzen und den Überblick über Inhalte behalten ist fordernd – das sagen jeweils etwa 50 Prozent der Befragten. Mit den eigenen Kindern darüber zu sprechen, ist für ein knappes Drittel zudem alles andere als einfach.
„Dabei können offene Gespräche der Eltern mit ihrem Nachwuchs entscheidend zum digitalen Wohlbefinden von Kindern und Jugendlichen beitragen“, betont Klemm. Das sei wichtig – damit Kinder sich „in der digitalisierten Welt nicht alleingelassen fühlen“. Die Expertin appelliert an Eltern, trotz aller Herausforderungen im Dialog mit ihren Kindern zu bleiben und gemeinsam Medienkompetenz zu entwickeln.



