Kriegspropaganda in Russland: Das Geschäft mit dem Siegeslied
In Russland hat sich der Krieg gegen die Ukraine zu einem lukrativen Geschäftsmodell für eine Reihe von Künstlern und Journalisten entwickelt. Sie besingen Sieg und Heldentum, verunglimpfen die Ukraine oder drohen dem sogenannten verkommenen Westen. Diese Akteure profitieren finanziell und karrieretechnisch von ihrer Rolle in der Kremlpropaganda, während der Konflikt täglich Opfer fordert, darunter unschuldige Zivilisten jeden Alters.
Shaman: Vom Liebessänger zum Kriegspropagandisten
Der russische Popstar Jaroslaw Dronow, besser bekannt unter seinem Pseudonym Shaman, steht exemplarisch für diesen Trend. Mit seinem Hit "Ja Russki" ("Ich bin Russe") begeistert er Massen, etwa bei einem Konzert nahe der annektierten Krim, wo das Publikum begeistert mitsingt und russische Flaggen schwenkt. Ein Kind hält ein Plakat hoch mit der Aufschrift "Der Sieg wird mit uns sein", eine klare Anspielung auf den Krieg. Shamans Karriere erhielt durch den Konflikt einen deutlichen Schub: Nach Jahren erfolgloser Liebeslieder stieg er mit patriotischen Themen wie "Mein Kampf" und "Wstanem" ("Erheben wir uns") zum Star auf. Letzteres Lied, ursprünglich dem Andenken sowjetischer Soldaten gewidmet, wurde zur Hymne des neuen Kriegs.
Breite Unterstützung aus der Unterhaltungsbranche
Nicht nur Shaman, sondern auch etablierte russische Schlagerstars wie Grigori Leps, Oleg Gasmanow, Sergej Lasarew, Nikolai Baskow und Nikolai Rastorgujew beteiligten sich an Alternativversionen seiner Songs. Sie alle sind regelmäßige Gäste bei vom Kreml organisierten Konzerten zur Kriegsunterstützung. Doch die Propagandamaschinerie reicht weit über die Musikszene hinaus. Sportler, Schauspieler, Moderatoren und Journalisten treten bei Massenveranstaltungen mit teils extremen Botschaften auf.
Agitationsbrigaden und staatliche Finanzierung
Schauspieler wie Iwan Ochlobystin und Michail Porotschenkow gehören zu den sogenannten Agitationsbrigaden, die vor russischen Kämpfern in der Ukraine auftreten, um deren Kampfmoral zu stärken. Porotschenkow ließ sich bereits 2014 filmen, wie er aufseiten prorussischer Separatisten mit einem Maschinengewehr schoss, während er einen Helm mit der Aufschrift "Presse" trug. Diese Aktivitäten werden über das Konstrukt "Integrazija" finanziert, eine angeblich nichtstaatliche Organisation, die Gelder von staatlichen und staatsnahen Konzernen erhält. Investigativjournalisten zufolge flossen allein im Jahr 2023 Hunderte Millionen Euro in solche PR-Maßnahmen zur Rechtfertigung der völkerrechtswidrigen Invasion.
Prominente Propagandisten und ihre Wandlungen
Nikita Michalkow, ein 80-jähriger Altmeister des russischen Kinos, unterstützte einst Präsident Boris Jelzin und kritisierte in seinem Oscar-prämierten Film "Die Sonne, die uns täuscht" den Großen Terror unter Stalin. Unter Putin wandelte er sich jedoch zum glühenden Anhänger und verbreitet in seiner Sendung "Bessogon TV" Verschwörungstheorien und Hetze gegen den Westen. Er rechtfertigt den Krieg als "Kampf gegen den Satanismus" und profitiert mit Prämien und lukrativen Posten. Auch Sergej Besrukow, einst Teil einer satirischen Sendung, die Politiker verspottete, steht heute auf der Gehaltsliste der Agitationsbrigaden.
Karrierestrategien und politische Ambitionen
Shamans Aufstieg hat Nachahmer inspiriert, wie die Sängerin Tatjana Kurtukowa, die mit russischer Volksmusik und patriotischen Untertönen Erfolg hat. Sie träumt laut eigenen Angaben davon, Kulturministerin zu werden und studiert Verwaltungswissenschaften, um dafür qualifiziert zu sein. Shamans jüngste Heirat mit Jekaterina Misulina, einer einflussreichen Frau in Russlands Internetsicherheitsszene, fand PR-wirksam im besetzten Donezk statt und unterstreicht die Verquickung von Karriere und Propaganda. Diese Entwicklungen zeigen, wie der Krieg in Russland nicht nur politisch, sondern auch wirtschaftlich und kulturell instrumentalisiert wird.



