Expertenkommission warnt vor einfachen Lösungen bei Social-Media-Verboten für Kinder
Seit mehreren Monaten analysiert eine unabhängige Expertenkommission im Auftrag von Bundesfamilienministerin Karin Prien (CDU), wie Teenager und Kinder effektiv vor den Risiken des digitalen Raums geschützt werden können. Ihr bisheriges Resümee fällt deutlich aus: Einfache Lösungen wie pauschale Social-Media-Verbote für Minderjährige existieren nicht.
Das Problem ist real und vielschichtig
Der Vorsitzende der Kommission, Erziehungswissenschaftler Olaf Köller, betont die ernste Lage: Etwa eine Million Jugendliche in Deutschland nutzen digitale Medien bereits auf problematische Weise, während rund 300.000 sogar Suchtverhalten zeigen. Hinzu kommen zahlreiche weitere Gefahren wie Cybermobbing, Hassrede im Netz, unangemessene pornografische Inhalte und viele weitere Risikofaktoren.
Die psychischen Folgen können laut dem Zwischenbericht der Kommission gravierend sein und reichen von Verstörung und Angstzuständen über Schlafstörungen bis hin zu anderen ernsthaften psychischen Belastungen. Besonders alarmierend ist die Erkenntnis, dass die individuelle Gefährdung stark von persönlichen Faktoren abhängt.
„Frühe Kindheitserfahrungen, bestehende psychische Störungen, Traumaerfahrungen und soziodemografische Faktoren beeinflussen maßgeblich, wie digitale Medien auf junge Menschen wirken“, heißt es in dem offiziellen Papier der Kommission. Die unterschiedliche Empfänglichkeit für digitale Risiken gehöre zu den überraschendsten Erkenntnissen der bisherigen Arbeit, erklärt Co-Vorsitzende Nadine Schön.
Erwachsene als Teil des Problems
Eine weitere zentrale Erkenntnis der Fachleute betrifft das Verhalten von Erwachsenen. Die Risiken beginnen nicht erst bei Jugendlichen, sondern schon viel früher in der kindlichen Entwicklung. Dabei geht es zum einen um die Frage, ob Kleinkinder bereits – möglicherweise unbeaufsichtigt – vor Bildschirmen sitzen.
„Passive Bildschirmzeit kann die Sprachentwicklung von Kleinkindern nachweislich beeinträchtigen“, warnt die Bestandsaufnahme der Kommission. Reizintensive digitale Inhalte könnten zudem Ablenkbarkeit und Konzentrationsschwierigkeiten begünstigen. Zum anderen kritisieren die Experten die Ablenkung von Eltern durch ihre eigenen Smartphones.
Fachleute verwenden hierfür den Begriff „Technoference“ – die Technik kommt in die Quere, wenn eigentlich die volle Aufmerksamkeit dem Kind gehören sollte. Diese elterliche Ablenkung durch digitale Geräte stellt laut der Kommission einen bedeutenden Risikofaktor dar.
Digitale Medien bieten auch Chancen
Trotz aller Risiken betonen die Experten, dass digitale Medien nicht nur Probleme verursachen. „Das Smartphone fungiert als zentraler Zugang zu Kommunikation, Unterhaltung, Information, sozialer Einbindung und zunehmend auch zu produktiven KI-basierten Anwendungen“, schreiben die Fachleute in ihrem Bericht.
Olaf Köller weist auf die großen Chancen hin, die digitale Räume bieten: Social Media seien wichtige digitale Räume, insbesondere für queere Jugendliche und andere marginalisierte Gruppen. Die digitalen Medien könnten zu einer positiven Entwicklung der Identität beitragen und wichtige soziale Kontakte ermöglichen.
Kinder und Jugendliche verfügen aus Sicht des Erziehungswissenschaftlers selbst über einen hohen „Reflexionsgrad“ – sie wissen um Chancen und Risiken der digitalen Welt. Und sie möchten sich diese Medien nicht einfach entziehen lassen. Köller betont nachdrücklich: „Schutz und Teilhabe sind keine Gegensätze, sondern es geht um geschützte Teilhabe im Netz.“
Bestehende Regulierungen und ihre Grenzen
„Ein wirkliches Regulierungsdefizit per se sieht man nicht“, stellt Nadine Schön fest. Vorschriften, die auch Kinder und Jugendliche schützen könnten, existieren bereits auf verschiedenen Ebenen. Auf EU-Ebene sind das beispielsweise der Digital Services Act (DSA) und spezielle Leitlinien zum Schutz Minderjähriger.
In Deutschland wirken das Jugendschutzgesetz und der Jugendmedienschutz-Staatsvertrag. Allerdings seien diese Regelungen oft komplex und passten nicht immer optimal zusammen. „Vor allem sehen wir auch Defizite im wirksamen Vollzug der bestehenden Vorschriften“, kritisiert die ehemalige CDU-Bundestagsabgeordnete.
Dies betrifft insbesondere mögliche Altersbeschränkungen für Social Media: Wie lassen sich solche Beschränkungen praktisch durchsetzen? Die Erfahrungen aus Australien, das Ende 2025 ein Social-Media-Verbot für Jugendliche unter 16 Jahren erließ, zeigen deutlich, dass Jugendliche Umwege finden. Eine auf EU-Ebene entwickelte technische Lösung soll laut Familienministerin Prien ab Anfang 2027 zur Verfügung stehen.
Ein umfassender gesellschaftlicher Ansatz ist nötig
„Man solle nicht glauben, mit einer Altersbeschränkung sei das Problem gelöst“, warnt Olaf Köller nachdrücklich. Es gebe eben nicht „eine einfache politische Lösung“. Stattdessen müsse „das Problem in seiner ganzen Breite angepackt werden“. Das bedeutet konkret: Alle gesellschaftlichen Akteure müssen zusammenwirken.
Zu den notwendigen Maßnahmen gehören:
- Engagierte Eltern, gegebenenfalls mit professioneller Unterstützung
- Medienbildung in Schulen und Bildungseinrichtungen
- Einbezug von Kinder- und Jugendärzten
- Flächendeckende Präventionsangebote
Die Experten stellen fest, dass es zwar Medienbildung und Prävention in Deutschland gebe, diese aber nicht flächendeckend verfügbar seien. „Familie, Kita, Schule, Jugendhilfe, außerschulische Kinder- und Jugendarbeit sowie Elternbildung spielen eine wichtige Rolle für die Medienbildung und bauen aufeinander auf“, schreiben die Fachleute.
Familienministerin Prien fühlt sich durch die vorläufigen Ergebnisse der Kommission bestätigt: Es brauche einen „breiten strategischen Ansatz“ auf allen gesellschaftlichen und staatlichen Ebenen, um dem Problem angemessen zu begegnen. Die endgültigen Empfehlungen der Kommission werden für Ende Juni erwartet und sollen eine wissenschaftliche Grundlage für mögliche neue gesetzliche Regelungen liefern.



