Rhetorikwettbewerb in Neustrelitz: Tiefgründige Reden zu Wehrpflicht und Bildung begeistern Jury
Der alljährliche Rhetorikwettbewerb des Rotary-Clubs Neubrandenburg fand am Montagabend im Gymnasium Carolinum in Neustrelitz statt. Obwohl sich in diesem Jahr nur vier sprachbegabte Schülerinnen und Schüler aus der Mecklenburgischen Seenplatte der Herausforderung stellten, beeindruckten sie das Publikum und die Jury mit außergewöhnlich qualitativen Reden. Die Entscheidungsfindung gestaltete sich für die Preisrichter deutlich schwieriger als erwartet.
Thematische Schwerpunkte: Wehrpflicht und händisches Schreiben
Drei der vier Teilnehmer wählten das kontroverse Thema Wehrpflicht, während sich eine Schülerin für die Frage nach der Aktualität des händischen Schreibens entschied. Silvio Pankratz, langjähriger Organisator des Wettbewerbs und Mitglied des Rotary-Clubs, bemerkte dazu: „Das Thema Wehrpflicht scheint die jungen Menschen besonders aufzuwühlen.“ Der Wettbewerb richtet sich speziell an Schüler der 11. und 12. Klassenstufe.
Pankratz erinnerte daran, dass die freie Rede bereits in der Antike zu den sieben freien Künsten zählte. Dabei gehe es nicht nur um Überzeugungskraft gegenüber dem Publikum, sondern auch um einen persönlichen Mehrwert durch intensive Auseinandersetzung mit einem Thema. Prof. Andrea Rudolph, Germanistin und Juryvorsitzende, betonte die Ambivalenz der Rhetorik: „Sie kann sowohl manipulieren als auch überzeugen – ein zweischneidiges Schwert.“ Sie verwies auf Goethes Faust, der lehrte, dass Redekunst nicht inhaltsleer sein dürfe, sondern mit Gefühl und Technik verbunden werden müsse.
Kontroverse Positionen zur Wehrpflicht
Die erste Rednerin, Mailin Michelczak vom Gymnasium Carolinum Neustrelitz, eröffnete mit einem provokanten Satz: „Herzlichen Glückwunsch, Sie sind Eigentum der BRD.“ In ihrer Rede kritisierte sie die Wehrpflicht als Eingriff in persönliche Freiheitsrechte und bezeichnete sie als „Jahr für die Gemeinschaft nur durch Zwang“. Sie warnte vor der Gefährdung der Freiheit ihrer Generation und sprach von der „Generation Diebstahl“.
Doch Michelczak blieb nicht bei der Kritik stehen. Sie forderte stattdessen echte Angebote für freiwilliges Engagement vom Staat: „Wahre Einigkeit entsteht durch Überzeugung.“ Junge Menschen dürften ihre Freiheit nicht verlieren, da genau diese Demokratien von Diktaturen unterscheide.
Jonas Eggert vom Lessing-Gymnasium Neubrandenburg hielt die Spannung in seiner Rede bis zum Schluss aufrecht. Zunächst argumentierte er scheinbar für die Wehrpflicht, sprach von Wehrhaftigkeit als Überlebensstrategie und betonte die Bedeutung des Zivildienstes für Krankenhäuser und Katastrophenschutz. Dann jedoch wendete er das Blatt und führte Gegenargumente an: Militarisierung der Gesellschaft, hybride Kriegsführung mit Drohnen und der Verlust technischen Know-hows. Am Ende wog für ihn die Freiheit schwerer: „Verteidigung muss neu gedacht werden.“
Tilda Berendes-Pätz, ebenfalls vom Gymnasium Neustrelitz, bezog historische Perspektiven ein. Sie thematisierte den „bitteren Beigeschmack“ des Patriotismus und fragte, wie viel man für sein Land opfern wolle. Mit Blick auf aktuelle politische Entwicklungen und das Bildungssystem stellte sie die grundlegende Frage: „Sind Blut und Leid wirklich der einzige Weg?“
Plädoyer für das händische Schreiben
Als einzige Teilnehmerin wählte Karla Austinat vom Sportgymnasium Neubrandenburg das Thema händisches Schreiben. Sie konnte nicht nachvollziehen, warum dessen Abschaffung an Grundschulen überhaupt diskutiert werde: „Die Schule ist der letzte Ort, an dem man noch gezwungen ist, so zu schreiben.“ Sie argumentierte für den pädagogischen Wert – schnelleres Lernen, Vermeidung von Abhängigkeit von Technik und die Möglichkeit, aus Fehlern zu lernen.
Austinat betonte die Individualität der Handschrift: „Die eigene Schrift ist nicht genormt oder perfekt, und gerade das macht sie besonders.“ Anhand eigener Tagebücher könne sie ihre persönliche Entwicklung nachvollziehen. Für den Fall schlechter Lesbarkeit gebe es immer noch die Möglichkeit, Texte abzutippen.
Schwierige Juryentscheidung und Auszeichnungen
Nach den Reden zog sich die Jury zur Beratung zurück. Statt der erwarteten 20 Minuten benötigte sie über eine halbe Stunde – ein deutliches Zeichen für die hohe Qualität der Beiträge. Ralf-Jörn Kurschus, Jurymitglied, resümierte: „Die Qualität in diesem Jahr war einzigartig. Die eigene Meinung wurde kontrovers diskutiert, die jungen Menschen haben sich selbst vom Objekt zum Subjekt gemacht.“
Gerd Wickel, Präsident des Rotary-Clubs Neubrandenburg, lobte die Schüler: „Sie haben es geschafft, dass ich heute mit einem enormen Lerngewinn nach Hause gehe.“
Die Siegerehrung ergab folgende Platzierung:
- Jonas Eggert (Lessing-Gymnasium Neubrandenburg)
- Karla Austinat (Sportgymnasium Neubrandenburg)
- Mailin Michelczak (Gymnasium Carolinum Neustrelitz)
- Tilda Berendes-Pätz (Gymnasium Carolinum Neustrelitz)
Der Rhetorikwettbewerb bewies einmal mehr, dass junge Menschen nicht nur über aktuelle gesellschaftliche Themen reflektieren, sondern diese auch mit beeindruckender sprachlicher Kompetenz und persönlicher Überzeugungskraft präsentieren können.



