Die Rente mit 63 ist bei vielen Arbeitnehmern beliebt, doch eine neue Studie der Bertelsmann Stiftung kommt zu einem vernichtenden Urteil: Das Modell ist teuer, treibt erfahrene Beschäftigte aus dem Arbeitsmarkt und ist ungerecht. Eine Abschaffung würde Milliarden sparen und eine Ungleichheit beseitigen.
Die Studie im Detail
Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) hat im Auftrag der Bertelsmann Stiftung untersucht, welche Folgen eine Abschaffung der abschlagsfreien Frühverrentung hätte. Das Ergebnis ist bemerkenswert deutlich: Pro Rentnerjahrgang könnte der Staat rund 9,5 Milliarden Euro einsparen. Gleichzeitig würden dem Arbeitsmarkt zusätzlich rund 125.000 Vollzeitstellen erhalten bleiben.
Die Forscher analysierten den Geburtsjahrgang 1957, den jüngsten, der bereits vollständig im Ruhestand ist. Sie berechneten, wie sich die Erwerbsbiografien verändert hätten, wenn die Rente mit 63 nicht existiert hätte. Ein Teil der Betroffenen wäre länger im Beruf geblieben, andere wären weiterhin vorzeitig in Rente gegangen, hätten dafür aber Abschläge in Kauf nehmen müssen. Beides zusammen würde die öffentlichen Kassen deutlich entlasten.
Allein die gesetzliche Rentenversicherung würde dadurch rund 10,4 Milliarden Euro sparen – über die gesamte Rentenbezugsdauer dieses Jahrgangs. Ein Teil dieser Einsparungen würde jedoch durch geringere Einnahmen bei Kranken- und Pflegeversicherung sowie bei Steuerzahlungen wieder aufgezehrt. Unter dem Strich bliebe dennoch eine gesamtstaatliche Entlastung von etwa 9,5 Milliarden Euro.
Fachkräftemangel wird verschärft
Noch relevanter als die finanziellen Einsparungen ist aus Sicht der Studienautoren ein anderer Effekt: Deutschland diskutiert seit Jahren über Fachkräftemangel und alternde Belegschaften. Die abschlagsfreie Frühverrentung wirkt genau in die entgegengesetzte Richtung. Sie schafft für den Einzelnen einen finanziellen Anreiz, den Arbeitsmarkt früher zu verlassen.
Durch eine Abschaffung der Regelung würden rund 125.000 Menschen zusätzlich in Vollzeit arbeiten. Im theoretischen Extremfall, in dem alle Betroffenen bis zur Regelaltersgrenze weiterarbeiten würden, läge der Effekt sogar bei mehr als 300.000 Vollzeitstellen.
Ungerechte Verteilung der Vorteile
Besonders brisant ist ein weiterer Befund der Untersuchung: Die Rente mit 63 wird politisch häufig damit begründet, sie solle Menschen nach einem besonders langen und belastenden Arbeitsleben einen früheren Ausstieg ermöglichen. Die Daten zeichnen jedoch ein anderes Bild. Profiteure der Regelung sind vor allem Menschen, die über Jahrzehnte hinweg durchgehend gearbeitet und Beiträge gezahlt haben und die im Erwerbsleben keine Brüche oder lange Phasen mit Arbeitslosigkeit hatten. Sie verfügen im Durchschnitt über deutlich höhere Rentenansprüche als andere Rentner.
Die durchschnittliche Monatsrente der Bezieher liegt laut Studie bei rund 1650 Euro und damit deutlich über dem Niveau gleichaltriger Altersrentner. Männer nutzen die Regelung zudem deutlich häufiger als Frauen. Hinzu kommt: Rund ein Viertel der Bezieher bleibt auch nach Renteneintritt erwerbstätig, meist in Form von Minijobs oder anderen Nebentätigkeiten.
Die Forscher kommen zu dem Schluss, dass die Regelung keineswegs zielgenau jene Gruppen unterstützt, die körperlich oder gesundheitlich besonders belastet sind. Viele Menschen mit gesundheitlichen Einschränkungen erreichen die erforderlichen 45 Versicherungsjahre gar nicht, weil sie bereits früher aus dem Erwerbsleben ausscheiden mussten. Begünstigt werden stattdessen vor allem Beschäftigte mit durchgehenden Erwerbsverläufen und vergleichsweise hohen Alterseinkommen – ein typisches Beispiel ist der langjährige Sparkassenangestellte, der dort schon nach der Schule seine Ausbildung gemacht hat.
Reformvorschläge der Experten
Die Autoren plädieren für eine Reform, die Rücksicht auf Härtefälle nimmt. Gerade Menschen mit eingeschränkter Erwerbsfähigkeit könnten ihre Arbeitszeit häufig nicht verlängern. Sie müssten dann entweder länger in belastenden Berufen arbeiten oder dauerhaft Rentenabschläge akzeptieren. Statt einer pauschalen Abschaffung schlagen die Autoren gezieltere Lösungen vor.
- Einschränkung auf gesundheitlich Beeinträchtigte: Die Regelung könnte künftig auf Menschen beschränkt werden, die aus gesundheitlichen Gründen tatsächlich nicht bis zur regulären Altersgrenze arbeiten können.
- Einkommensgrenze: Eine Obergrenze könnte sicherstellen, dass vor allem Beschäftigte mit niedrigen Einkommen profitieren.
- Stärkere Grundrente: Der Grundrentenzuschlag, mit dem kleine Renten aufgestockt werden, könnte erhöht werden, um mögliche Rentenverluste abzufedern.
Denkbar wäre aber beispielsweise auch, den Kreis der Berechtigten auszuweiten. Die Diskussion um die Rente mit 63 ist damit neu entfacht – und die Studie liefert klare Argumente für eine grundlegende Reform.



